„Ich muss hier raus!“ – Mein Leben mit Agoraphobie

Interview mit @josischreibt_ ​

03.11.2025
Folge 380 | „Ich muss hier raus!“ - Mein Leben mit Agoraphobie mit josischreibt

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

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Inhalt

Angst unplugged: Leben mit Agoraphobie – zwischen Selbstfürsorge, Mut und gesellschaftlichen Erwartungen

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim, Spiegel-Bestsellerautorin und Diplom-Soziologin, mit Content Creatorin Josi über Agoraphobie, Panikattacken und den langen Weg zu einem liebevolleren Umgang mit sich selbst. Entstanden ist ein tief offenes Gespräch darüber, wie es ist, mit einer Angststörung erwachsen zu werden, Mutter zu sein und sich trotzdem ein erfülltes Leben aufzubauen.

Unser Gast: Josi

Josi ist 33 Jahre alt, gelernte Erzieherin und arbeitet heute hauptberuflich als Content Creatorin. Auf Instagram und TikTok ist sie als „Josi schreibt“ bekannt. Dort macht sie vor allem Inhalte zu Feminismus, gesellschaftlichen Themen und politischen Zusammenhängen – oft mit feinem, trockenem Humor und leicht verständlich aufbereitet, zum Beispiel in ihrem Format „100 Sekunden Wissen“.

Seit ihrem 16. Lebensjahr lebt Josi mit einer diagnostizierten Angststörung, genauer mit einer Agoraphobie. In ihren Stories spricht sie regelmäßig über den Alltag mit Angst und den Umgang mit Panikattacken – immer ehrlich, nahbar und ohne Drama. Genau diese Mischung bringt sie auch in das Gespräch mit Christina ein.

Agoraphobie verstehen: Wenn „Ich kann hier nicht weg“ alles bestimmt

Eine der eindrücklichsten Beschreibungen von Josi lautet:

„Es grenzt an eine Nahtoderfahrung. Ich sitze da und denke: Ich muss hier raus, ich muss hier weg.“

So fühlt sich Agoraphobie für sie an. Die sogenannte „Marktplatzangst“ reduziert sich dabei nicht nur auf große Plätze. Für Josi geht es eher um Situationen, in denen sie das Gefühl hat, nicht fliehen zu können oder beobachtet und bewertet zu werden.

Wie alles anfing: Panik in der Schulklasse

Mit etwa 16 Jahren traten die ersten Angstattacken auf – damals ohne Namen, ohne Erklärung:

  • plötzlich „wie durch einen Schleier“ wahrnehmen
  • nicht mehr richtig zuhören können
  • starker Fluchtimpuls: „Ich muss hier raus“
  • körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Krämpfe, starker Harndrang, Herzrasen, schwitzige Hände

Josi wusste nicht, was mit ihr passiert. Erst Jahre später bekam sie die offizielle Diagnose Agoraphobie. Dazwischen lag eine lange Zeit, in der sich die Angst „wie Lava“ immer weiter ausbreitete:

  • zuerst nur in bestimmten Unterrichtsfächern
  • dann generell in der Schule
  • später im Alltag – überall dort, wo sie sich „eingesperrt“ fühlte

Typische Auslöser und Situationen

Josi beschreibt sehr anschaulich, in welchen Momenten die Angst besonders stark wird:

  • Friseur, Nagelstudio: Hände in der Lampe, irgendwo festgehalten, Menschen drum herum
  • Supermarkt: lange Schlangen, keine schnelle Fluchtmöglichkeit
  • Auto, Tunnel, Flugzeug: „Ich kann hier nicht weg, ich komme hier nicht raus“
  • Restaurants oder Veranstaltungen: sie braucht Plätze in der Nähe des Ausgangs

Christina ergänzt aus ihrer Community-Erfahrung: Dieses Gefühl „Ich kann hier nicht weg“ begleitet viele Menschen mit Angst – auch ohne formale Agoraphobie-Diagnose – und taucht häufig in Verbindung mit Panikattacken und Magen-Darm-Beschwerden auf.

Vom Zusammenbruch zum Wendepunkt: Warum Heilung nicht linear ist

Josi lebt seit vielen Jahren mit ihrer Angststörung – doch ein Moment hat alles verändert:

„Dann hatte ich so vor drei Jahren wirklich so einen Crash. Da ging gar nichts mehr.“

Als nichts mehr ging: der Crash

Vor rund drei Jahren kam der totale Einbruch. Josi beschreibt eine Phase, in der sie:

  • nicht mehr in den Supermarkt gehen konnte
  • ihr Kind an manchen Tagen nicht in die Kita bringen konnte
  • nachts sechs- bis siebenmal aufwachte und massive Schlafstörungen hatte
  • viel weinte und kaum noch funktionierte

Ihre Erkenntnis aus dieser Zeit:

„Ich habe meine Angst nicht angeguckt. Sie war immer da, sie hat mein Leben bestimmt, aber ich habe ihr nicht den Raum gegeben, den sie gebraucht hätte.“

Therapie-Erfahrungen: Von Fehlstart zu Gamechanger

Der Weg in die Therapie war für Josi nicht geradlinig:

  • Erste Erfahrung: ein Psychiater, der sehr schnell Antidepressiva verschrieb, sich dann aber hauptsächlich selbst erzählte, statt wirklich zu therapieren.
  • Wichtige Botschaft: Eine schlechte Therapieerfahrung bedeutet nicht, dass Therapie generell nicht hilft.
  • Zweite Erfahrung: Eine Verhaltenstherapie, die ihr half, ihre Emotionen zu benennen, sich selbst bewusster wahrzunehmen und die Angst nicht mehr zu verdrängen.
  • Später: eine Gruppentherapie nach dem Crash, in der sie lernte, sich selbst zu priorisieren, besonders als Mutter.

Christina unterstreicht, wie wertvoll Verhaltenstherapie sein kann:

Heilung ist nicht linear – Druck rausnehmen

Im Q&A-Teil beantwortet Christina eine Hörerfrage zum Thema Stillstand und Rückfall. Ihr zentraler Rat:

  • Druck rausnehmen statt sich zu überfordern
  • Heilung ist kein gerader Weg: gute und schlechte Tage gehören dazu
  • Rückschritte sind normal, keine persönliche Niederlage
  • Mehr Sanftheit und liebevoller Umgang mit sich selbst

Beide sind sich einig: Wer versucht, alles gleichzeitig zu „schaffen“, erzeugt oft so viel inneren Druck, dass es erst recht nicht funktioniert.

„Ich muss nicht alles mitmachen“ – Selbstfürsorge, Grenzen und das Thema Antidepressiva

Ein großes Thema im Gespräch: der Umgang mit der Erwartung, „normal“ funktionieren zu müssen. Josi bringt es klar auf den Punkt:

„Ich muss auch nicht alles mitmachen. Ich muss nicht durch alle Ängste durch.“

Grenzen setzen: Wer sagt hier eigentlich Nein – ich oder die Angst?

Josi kann heute sehr gut Nein sagen und Grenzen kommunizieren – auch, weil ihre Angst sie jahrelang dazu gezwungen hat, Dinge abzusagen. Das führt manchmal zu einem inneren Dilemma:

  • Ist das mein echtes Nein, weil mir etwas nicht guttut?
  • Oder ist es Vermeidung, weil die Angst mich blockiert?

Ihr Umgang damit heute:

  • Manchmal ist es egal, wer Nein sagt, wenn klar ist: „Ich packe es heute nicht.“
  • Entscheidend ist, dass es im Leben <strongimmer noch genug echte „Jas“ gibt – zu Dingen, die wichtig sind.
  • To-do-Listen dürfen flexibel sein: Wenn der Kühlschrank noch nicht leer ist, ist es okay, den Einkauf auf morgen zu verschieben.

Christina ergänzt: Viele sogenannte „normale“ Menschen sind vor allem deshalb stabil, weil sie von Anfang an gut Grenzen setzen und sich nicht alles abverlangen. Menschen mit Angst müssen dieses Nein-Sagen oft erst schmerzhaft lernen.

Alternative Wege statt Zwang: Nägel, Friseur und Selbstbestimmung

Ein eindrückliches Beispiel von Josi: Das klassische Nagelstudio mit mehreren Kundinnen, Geräuschen und Warterei war für sie jahrelang purer Stress:

  • Panik in jeder Sitzung
  • Gefühl, nicht aufstehen und gehen zu dürfen
  • massive Überforderung durch Reize

Irgendwann zog sie für sich die Konsequenz:

  • Statt sich weiter zu „quälen“, suchte sie sich eine Nageldesignerin, die allein arbeitet.
  • Sie kommunizierte offen: „Ich habe eine Angststörung und Magen-Darm-Beschwerden.“
  • So fand sie einen Rahmen, in dem sie sich sicherer fühlt – ohne komplett auf ihre Bedürfnisse (z. B. schöne Nägel) zu verzichten.

Wichtiger Perspektivwechsel, den Josi daraus mitnimmt:

  • Das ist nicht „unnormal“, sondern eine legitime Präferenz.
  • Auch psychisch gesunde Menschen wählen bewusst kleinere, ruhigere Settings.
  • Es geht nicht darum, an allen „typisch normalen“ Situationen teilzunehmen, sondern ein passendes Leben für sich selbst zu gestalten.

Antidepressiva: Zwischen Angst vor Medikamenten und echter Entlastung

Christina und Josi sprechen auch sehr offen über Antidepressiva:

Christinas Perspektive:

  • Sie nahm Antidepressiva während einer mittelschweren, agitierten Depression (massive innere Unruhe, kaum Schlaf).
  • Die Medikamente halfen ihr vor allem, wieder schlafen zu können und die schlimmste Unruhe zu reduzieren.
  • Sie verteufelt Antidepressiva nicht, idealisiert sie aber auch nicht: Sie können ein wichtiges Werkzeug sein, ersetzen aber keine innere Arbeit.

Josis Perspektive:

  • Bei ihr hatten die Antidepressiva kaum Effekt auf die Angst.
  • Nebenwirkung, die sie bemerkte: Libidoverlust.
  • Sie betont, dass es einen bestimmten Prozentsatz von Menschen gibt, bei denen die Mittel nicht gut anschlagen – auch das ist möglich.

Wichtige gemeinsame Learnings:

  • Angst vor Nebenwirkungen ist weit verbreitet, aber Nebenwirkungen sind individuell.
  • Vieles, was man für Nebenwirkung hält (z. B. Übelkeit, Schwindel), kann auch einfach Folge von Stress und Überlastung sein.
  • Entscheide immer mit deinem Arzt oder deiner Ärztin und sprich offen aus, wenn du Medikamente nicht nehmen möchtest.
  • Eine ehrliche Kommunikation ist wichtiger als „brav“ alles zu schlucken, was verschrieben wird.

Mut zur Ehrlichkeit: Warum Offenheit über Angst so entlastet

Ein roter Faden durch die gesamte Folge ist das Thema Offenheit. Beide beschreiben, wie befreiend es ist, die Angst nicht mehr hinter einer perfekten Fassade verstecken zu müssen.

Vom Maskieren zur ehrlichen Ansage

Als Jugendliche hat Josi gelernt, ihre Angst perfekt zu maskieren:

  • „Pokerface“ in der Schulklasse
  • nie Schwäche zeigen
  • Angstattacken so überspielen, dass niemand etwas merkt

Heute erlebt sie die Kehrseite: Maskieren ist extrem ermüdend. Vor allem in neuen Freundschaften fühlt sie sich anfangs gezwungen, erst eine „funktionierende Version“ von sich zu zeigen, bevor sie wirklich sie selbst sein kann.

Eine Schlüsselszene, die sie erzählt:

  • Sie musste mit starker Panik in die Apotheke, in der sie schon einmal eine Panikattacke hatte.
  • Mit pochendem Herzen sprach sie die Apothekerin direkt an: „Ich habe oft Angst mit Panik, mir fällt es gerade sehr schwer.“
  • Beim Aussprechen musste sie fast weinen – und trotzdem war es befreiend.

Ähnlich beschreibt Christina eine Teilnehmerin aus ihren Kursen, die in Praxen ganz selbstverständlich sagt:

„Ich habe eine Angststörung, wundern Sie sich nicht, wenn ich mal kurz rausgehe. Ich komme wieder, das liegt nicht an Ihnen.“

Spannender Effekt: Gerade weil diese Option ausgesprochen ist, muss sie seltener wirklich aus der Situation fliehen.

Ehrlichkeit schafft Nähe – und sortiert Beziehungen

Christina betont, dass Verletzlichkeit meist das Gegenteil von dem bewirkt, was wir befürchten:

  • Statt uns unsympathisch zu machen, zieht sie Verständnis und Nähe an.
  • Wenn jemand kühl oder abwertend reagiert, ist das ein klarer Hinweis: Diese Person ist nicht „unsere“ Person.
  • Echte Verbundenheit entsteht, wenn beide Seiten ehrlich erzählen dürfen, wie es ihnen wirklich geht.

In Christinas Community melden sich zudem immer mehr Männer, die anfangen, über ihre Angst zu sprechen. Oft mit Sätzen wie:

„Krass, ich habe das auch seit 20 Jahren, aber bei mir zeigt es sich eher so und so.“

Beide wünschen sich eine Welt mit weniger Smalltalk und mehr echter Begegnung. Josi sagt dazu:

„Manchmal wünschte ich mir, wir wären alle gnadenlos ehrlich – in einer netten Art und Weise.“

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Rolle von Sensibilität: Warum viele Menschen mit Angst besonders feinfühlig sind und stark auf Erwartungen anderer reagieren.
  • „Normales Leben“ hinterfragen: Haus, Kinder, Karriere, Urlaube – wie gesellschaftliche Skripte Druck erzeugen, der Angst befeuert.
  • Mut mit Angst: Josi moderiert eine Veranstaltung und reist nach Schweden – trotz Agoraphobie.
  • Angst als Liebesbeweis: Christinas Sicht, dass der Körper mit Angst signalisiert: „So wie bisher geht es nicht weiter.“
  • Community-Fragen: Wie du deine eigenen Fragen an die „Angst unplugged“-Community einreichen kannst.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Angst & Überforderung". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Angst & Überforderung"
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