Depression & Angst – kein Grund sich zu schämen!

Interview mit Psychotherapeutin Anke Glassmeyer

07.06.2021

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

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Inhalt

Warum du dich für Ängste und Depressionen nicht schämen musst

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit der psychologischen Psychotherapeutin Anke Glasmeier über Scham, Depression, Ängste und echte Hoffnung auf Heilung. Herausgekommen ist ein ehrliches Gespräch darüber, wie verbreitet psychische Erkrankungen sind, warum du nicht „schuld“ bist und wie du Schritt für Schritt wieder Vertrauen in dich und dein Leben finden kannst.

Unser Gast: Anke Glasmeier

Anke Glasmeier ist Psychologin und psychologische Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Ibbenbüren. Seit 2018 klärt sie zusätzlich auf Instagram über Psychologie und Psychotherapie auf und möchte damit aktiv zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen.

Ihre eigene Geschichte prägt ihren beruflichen Weg: Schon mit elf Jahren war sie selbst in einer Klinik und hat dort schlechte Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht. Diese Erlebnisse führten dazu, dass sie dachte: „Ich werde mal Psychotherapeutin, ich mache es anders.“ Heute ist genau das ihre Berufung: Menschen professionell zu begleiten und gleichzeitig offen, menschlich und nahbar über psychische Themen zu sprechen.

Typische Gedanken bei Ängsten und Depressionen: Du bist nicht allein

Viele Betroffene fühlen sich mit ihren Gedanken und Gefühlen völlig isoliert. In Ankes Praxis zeigt sich aber deutlich: Die meisten sind mit ihren inneren Kämpfen nicht allein.

Wiederkehrende Muster in der Therapie

Es gibt bestimmte Themen, die Anke „fast tagtäglich“ in ihrer Praxis begegnen:

  • Ständige Sorge um die Meinung anderer: „Was denken die anderen von mir?“, „Wie wirke ich?“, „Mögen die mich überhaupt?“
  • Niedriger Selbstwert: Sehr strenger innerer Kritiker, wenig Wertschätzung für sich selbst.
  • Unfaire Maßstäbe: Was man sich selbst sagt, würde man der besten Freundin nie so sagen.
  • Depressionen, Ängste, Erschöpfung: Dauerhaft schlechte Stimmung, Müdigkeit, Gereiztheit, Überforderung.

Ein zentraler Gedanke, der vielen hilft:

„Ich bin nicht der einzige Mensch, dem es so geht.“

Psychische Symptome sind kein persönliches Versagen, sondern ein Signal deines Systems, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gerade Depressionen können ein innerer Hilferuf sein, genauer hinzuschauen: Was passt in meinem Leben nicht mehr? Wo habe ich jahrelang über meine Grenzen gelebt?

Ab wann Therapie sinnvoll ist – und warum Selbsthilfe allein oft nicht reicht

Christina betont, wie sehr ihr Therapie geholfen hat – aber auch, wie wichtig ergänzende Selbsthilfe und eigene Verantwortung sind. Anke sieht das genauso: Die Kombination aus beidem ist entscheidend.

Wann du dir professionelle Hilfe holen solltest

Laut Anke ist Therapie spätestens dann wichtig, wenn du über einen gewissen Zeitraum merkst:

  • Du kommst aus deinem Tief allein nicht mehr heraus.
  • Es geht dir dauerhaft schlecht (nicht nur tageweise).
  • Du bist antriebslos, müde, gereizt oder aggressiv.
  • Du hast deutliche Ängste, Zwänge oder Schlafstörungen.
  • Du greifst vermehrt zu Alkohol oder anderen Mitteln, um „durchzuhalten“.

Sie empfiehlt: „Wenn ich aus diesem Loch alleine nicht rauskomme, sollte ich mir Hilfe suchen.“ Das kann der Hausarzt sein oder direkt eine Psychotherapeutin bzw. ein Psychotherapeut.

Wie lange darf es einem „einfach mal schlecht gehen“?

Beim Thema Depression hilft ein Blick in die Diagnostik (ICD-10):

  • Ab etwa 14 Tagen anhaltend depressiver Symptome spricht man nicht mehr von einem „normalen Durchhänger“.
  • Viele Betroffene warten aber Monate oder Jahre, bevor sie sich Hilfe holen – und hoffen insgeheim auf die schnelle Lösung: einmal Therapie, „Finger schnipsen“ und alles ist gut.

Realistischer ist ein anderer Blick: Symptome entwickeln sich meist über einen längeren Zeitraum und Heilung braucht Zeit. Und sie verläuft nicht linear.

Heilung ist wellenförmig, nicht perfekt

Christina beschreibt ihren Prozess so: Zwei Schritte vor, einer zurück. Anke spricht deshalb lieber von „Vorfällen“ statt Rückfällen:

„Ich spreche ungern von Rückschritten, sondern von Vorfällen: Was war doof? Was kann ich reflektieren? Was mache ich beim nächsten Mal anders?“

So wird ein „Rückfall“ nicht als Scheitern gesehen, sondern als Lernmoment, der dich auf Dauer weiterbringt.

Ängste verstehen und Schritt für Schritt überwinden

Ein großer Fokus des Gesprächs liegt auf Angst- und Panikstörungen. Christina kennt sie aus eigener Erfahrung, Anke aus dem Praxisalltag – und beide bestätigen: Ängste lassen sich sehr gut behandeln.

Grundprinzip: Der Weg aus der Angst geht durch die Angst

Anke sagt einen Satz, den ihre Patientinnen und Patienten „hassen“, der aber zentral ist:

„Der Weg aus der Angst geht durch die Angst.“

Das bedeutet:

  • Vermeidung (z. B. kein Autofahren, kein Fliegen, kein Busfahren) hält die Angst aufrecht.
  • Konfrontation – also sich der gefürchteten Situation aussetzen – gibt dem Gehirn neue Erfahrungen: „Es war gar nicht so schlimm, wie erwartet.“

Gerade bei starken Ängsten ist es sinnvoll, das begleitet in Therapie zu tun. Ein Beispiel aus Ankes Praxis zeigt, was möglich ist:

  • Eine Patientin mit massiver Höhenangst steigt mit ihr zusammen auf einen Kirchturm in Ibbenbüren.
  • Unter Tränen möchte sie mehrfach umkehren, hält aber durch.
  • Oben angekommen ist sie stolz und erleichtert.
  • Monate später fliegt sie mit einer Freundin ohne Beruhigungsmittel in den Süden.

Diese Erfahrungen sind für Anke das Schönste an ihrem Beruf: zu sehen, wie Menschen durch die Angst hindurch gehen und ihr Leben zurückerobern.

Mit Panikattacken umgehen: Vom Körperfokus ins Außen

Viele Menschen mit Panikattacken kennen Gedanken wie: „Ich bekomme einen Herzinfarkt“, „Ich sterbe gleich“, „Ich kippe in der Öffentlichkeit um“.

Zwei hilfreiche Ansätze, die im Interview vorkommen:

  • Die Angst zu Ende denken: Anke fragt Schritt für Schritt nach: „Was wäre dann? Und dann? Und dann?“ Am Ende steht oft: Ich bekomme Hilfe, werde untersucht – oder im schlimmsten Fall bekomme ich es gar nicht mehr mit.
  • Aufmerksamkeitslenkung nach außen: Statt auf Herzschlag und Atmung zu starren, helfen Übungen wie:
    • 5 Dinge sehen, 4 Dinge fühlen, 3 Dinge hören, 2 Dinge schmecken, 1 Sache riechen.
    • 20 blaue und 20 grüne Dinge im Raum suchen.
    • Das Alphabet mit Obst- oder Gemüsesorten durchgehen (Apfel, Birne, Clementine, …).

Diese Methoden unterbrechen die Spirale der Selbstbeobachtung und machen es leichter, eine Panikattacke zu überstehen.

Die große Angst vor dem Tod

Christina teilt offen, dass ihr letztlich geholfen hat, den Gedankengang zuzulassen: „Im schlimmsten Fall habe ich einen Herzinfarkt – aber die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering.“

Für viele ist es herausfordernd, den schlimmsten Fall innerlich zuzulassen. Darum geht es nicht um Schönreden, sondern um eine realistische Balance:

  • Ja, wir sind sterblich.
  • Nein, das bedeutet nicht, dass jeder Herzschlag oder jede Panikattacke tödlich ist.
  • Entscheidend ist: nicht in die permanente Katastrophenfantasie hineinzurutschen.

Anke arbeitet hier weniger mit abstrakten Statistiken, sondern mit dem konkreten Weiterdenken der Angst, bis sie an Schrecken verliert.

Depression ist kein Lebensurteil: Warum der Begriff „depressiv“ dich nicht festlegt

Ein wichtiger Teil des Gesprächs dreht sich um den Umgang mit der Diagnose Depression. Christina beschreibt das Gefühl, ein Label zu bekommen: „Einmal depressiv, immer depressiv.“

Beide sind sich einig: So ist es nicht.

Depression als Signal – nicht als Identität

Depression bedeutet nicht: „Ich bin ein depressiver Mensch und bleibe es für immer.“ Vielmehr zeigt sie oft:

  • Da ist schon lange etwas in deinem Leben nicht in Balance.
  • Grenzen wurden dauerhaft überschritten (z. B. durch Stress, Überforderung, ungelöste Konflikte).
  • Es braucht Veränderung, Fürsorge und neue Weichenstellungen.

Anke zieht den Vergleich mit körperlichen Erkrankungen:

„Wenn meine Depression abgeklungen ist, bin ich kein Depressiver mehr. Genauso, wie ich nach einer Grippe nicht für immer ‚grippig‘ bin.“

Natürlich kann eine Depression – wie andere Erkrankungen – wiederkommen. Aber statt dich mit einem Label zu identifizieren, kannst du fragen:

  • Was habe ich aus dieser Episode gelernt?
  • Wie kann ich jetzt achtsamer mit mir umgehen?
  • Wie sorge ich besser für Gleichgewicht in meinem Leben?

Heilungschancen und echte Erfolgsgeschichten

Anke sieht in ihrer Praxis täglich, dass sich Menschen aus sehr schweren Phasen herausarbeiten können:

  • Jemand, der sich monatelang zur Arbeit schleppt, entdeckt wieder Freude am Job.
  • Eine Person, die über ein halbes Jahr krankgeschrieben war, kehrt stabil und gern ins Berufsleben zurück.
  • Menschen mit starken Ängsten beginnen, sich ähnlich wie bei der Höhenangst-Patientin ihren Ängsten zu stellen – und merken: „So schlimm wie erwartet war es gar nicht.“

Diese Geschichten zeigen: Es gibt ein Leben nach Depression und Angst. Es braucht Zeit, Begleitung, Selbsthilfe und Mut, aber es ist möglich, dass du wieder Lebensfreude, Stärke und Vertrauen in dich selbst spürst.

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Corona und Psyche: Warum die Anfragen nach Therapie stark gestiegen sind – und welche Menschen sich durch Homeoffice und Kontaktbeschränkungen kurzfristig sogar entlastet fühlten.
  • Therapeutensuche: Weshalb es sich lohnt, so lange zu suchen, bis die „Chemie“ wirklich passt, und wie sehr dies den Therapieerfolg beeinflusst.
  • Scham und Offenheit: Wie eine Lehrerin ihren Schülern ihre Depression erklärt und damit zum Vorbild wird.
  • Entstigmatisierung: Warum wir schon in der Grundschule über Depressionen sprechen sollten – und welche Rolle Social Media und prominente Betroffene dabei spielen.
  • Inspirationstipps: Ankes Podcast-Empfehlungen rund um Gefühle und Psyche, z. B. Formate von Leon Windscheid, sowie Buchtipps zum Thema Resilienz.
  • Christinas Angebot: Ein Angstfrei-Workshop als Hilfe zur Selbsthilfe – kein Ersatz für Therapie, aber eine zusätzliche Unterstützung für den Alltag.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Angst & Überforderung". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Angst & Überforderung"
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