Angst bei Kindern

Interview mit Kinder- und Jugendtherapeutin Dr. Julia Siemoneit

01.07.2024
Interview mit Kinder- und Jugendtherapeutin Dr. Julia Siemoneit über Angst bei Kindern – Podcastfolge zu Ursachen und Unterstützungsmöglichkeiten

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

Jetzt anhören auf:
Inhalt

Angst unplugged: Wie du Kinder mit Ängsten liebevoll stärken kannst

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Julia Simone über den Umgang mit Angst bei Kindern. Es geht um Schul- und Kita-Angst, Krankheits- und Erbrechensangst, Todes- und Trennungsängste – und darum, wie Eltern mit einfachen, alltagstauglichen Strategien ihre Kinder wirksam unterstützen können.

Die Tonalität im Gespräch ist persönlich, ermutigend und direkt – mit einer klaren Du-Ansprache. Genau so ist auch dieser Artikel gestaltet.

Unser Gast: Dr. Julia Simone

Dr. Julia Simone ist Kinder– und Jugendlichenpsychotherapeutin in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Zusätzlich ist sie Traumatherapeutin mit einer mehrjährigen Zusatzausbildung, wodurch sie Ängste von Kindern und Jugendlichen noch tiefer verstehen und gezielt bearbeiten kann.

Außerdem lehrt sie an der Universität im Bereich Erziehungswissenschaft und bildet angehende Lehrkräfte, Pädagog:innen und Heilpädagog:innen aus. In ihren Workshops – unter anderem im Happy Club von Christina – zeigt sie, wie Eltern und Fachkräfte Kinder bei Ängsten konkret begleiten können, ohne den Alltag zu überfrachten.

Wie Kindertherapie funktioniert – und warum Spielen so wichtig ist

Der vielleicht wichtigste Unterschied zur Erwachsenentherapie: In der Kindertherapie wird viel gespielt. Und das ist keineswegs „nur Spiel“, sondern ein zentraler Zugang zur inneren Welt der Kinder.

Eltern als Co-Therapeut:innen

In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie werden nie nur die Kinder „allein“ behandelt. Eltern und andere Bezugspersonen sind immer mit im Boot:

  • Es gibt Bezugspersonenstunden, in denen Eltern lernen, wie sie im Alltag auf Ängste reagieren können.
  • Eltern werden als eine Art Co-Therapeut:innen verstanden, die wirksam begleiten, beruhigen und ermutigen.
  • Das Ziel: konkrete Strategien für Zuhause, nicht nur „Therapiestunden im stillen Kämmerlein“.

Spiel als Zugang zu Angst – nicht als Ablenkung

Julia unterscheidet zwischen zwei Arten von Spielen:

  • Beziehungsaufbau-Spiel: freies Spielen, um Vertrauen herzustellen, die Beziehung zu stärken und Ressourcen zu aktivieren.
  • Therapeutisches Spiel: gezielt eingesetzte Spiele, um Ängste zu verstehen und zu bearbeiten.

Beispiele für therapeutische Zugänge:

  • Malen und Basteln: Angstmonster malen, Angstmonster interviewen.
  • Rollenspiele mit Handpuppen: soziale Situationen nachspielen (z.B. „Wie frage ich, ob ich mitspielen darf?“).
  • Fragekarten: „Was war dein schönstes Erlebnis?“ oder „Welche drei Eigenschaften magst du an dir?“ zur Ressourcenstärkung.

Was Erwachsene als Gespräch führen würden („Was könntest du sagen?“), wird mit Kindern im Gewand des Spiels geübt. Dadurch können sie neue Verhaltensweisen ausprobieren, ohne sich bloßgestellt zu fühlen.

Achtsamkeit und Körperarbeit für Kinder

Neben Gedankenarbeit („Was sind Angstgedanken, was sind Angst-Killer-Gedanken?“) setzt Julia stark auf körperorientierte und achtsamkeitsbasierte Methoden:

  • Mit einer Klangschale üben, den Klang so lange wie möglich zu hören und sich genau darauf zu konzentrieren.
  • So lernen Kinder: „Ich kann meinen Geist ausrichten – auf den Klang oder auf das Chaos der Angst.“
  • Atemübungen und Entspannungstechniken, die im ruhigen Moment eingeübt werden, damit sie in Angstsituationen abrufbar sind.

Ein Satz aus der Therapie, der die Kraft solcher Übungen zeigt:
„Frau Simon, ich bin der Lionel Messi der Atemübungen.“ – sagte ein Kind, das zuvor massive Atemängste hatte. Dieses Selbstwirksamkeitsgefühl ist ein zentrales Ziel der Behandlung.

Schul- und Kita-Angst: Kinder gut begleiten statt nachgeben oder übergehen

Viele Eltern kennen es: Das Kind bricht morgens in Tränen aus, will nicht in die Kita oder Schule, klammert sich an, vielleicht sogar an die Garderobe oder Fensterscheibe. Für Eltern ist das emotional kaum auszuhalten.

Vorbeugen: Übergänge gut vorbereiten

Ängste verstärken sich häufig nach Ferien oder längeren Pausen. Kinder „entwöhnen“ sich schnell von Schule oder Kita, besonders wenn sie ohnehin ein eher vorsichtiges, ängstliches Temperament haben.

Julias Empfehlung:

  • Etwa eine Woche vor dem Start wieder an Kita oder Schule vorbeigehen.
  • Den Pausenhof, Eingang oder Spielbereich anschauen.
  • Mit dem Kind ins Gespräch kommen:
    • „Mit wem wirst du da spielen?“
    • „Was könntest du in der Pause machen?“

So entstehen positive innere Bilder („Kita kann schön sein, Schule hat auch angenehme Seiten“), statt dass die Rückkehr das Kind plötzlich und unvorbereitet trifft.

Trennungssituationen: konsequent, aber verbunden

Beim morgendlichen Abschied ist es wichtig, das Kind nicht einfach dem Stress zu überlassen, aber auch nicht der Angst nachzugeben („Dann bleibst du heute zu Hause“), wenn kein triftiger Grund vorliegt. Denn:

  • Bleibt das Kind wegen Angst zu Hause, stabilisiert sich der Teufelskreis der Vermeidung.
  • Gleichzeitig brauchen Eltern <strongverlässliche Rückmeldungen aus Kita oder Schule: Weint es wirklich stundenlang oder ist es nach wenigen Minuten im Spiel?

Hilfreiche Strategien:

  • Mit Erzieher:innen oder Lehrkräften klar verabreden, dass sie sich melden, falls das Kind nach einigen Minuten immer noch nicht zu beruhigen ist.
  • Gegebenenfalls nach 10–15 Minuten telefonisch nachfragen dürfen, um sich selbst zu beruhigen.
  • Nachmittags erzählen lassen, wie der Tag war und welche schönen Momente es gab.

Gute innere Bilder helfen auch den Eltern: das Bild des spielenden Kindes statt des weinenden. So können sie sich selbst beruhigen und bleiben für ihr Kind besser ansprechbar.

Die Rolle der Eltern: Selbstfürsorge und Klarheit

Kinder sind Expert:innen für ihre Eltern – sie lesen Stimmungen und Körpersprache extrem genau. Wenn du selbst innerlich wackelig bist, wird sich dein Kind schwer trennen können.

Deshalb gehört zur Begleitung von Kinderängsten immer auch:

  • Selbstfürsorge: eigene Ängste ernst nehmen, regulieren, Unterstützung suchen.
  • Klarheit in der Kommunikation: kurz, liebevoll und bestimmt verabschieden.
  • Dem Kind vermitteln: „Ich vertraue dir. Und ich vertraue auch darauf, dass es dir hier gut geht.“

Ein hilfreiches Bild für Kinder ist das unsichtbare Band zwischen Eltern und Kind:

  • Zum Beispiel ein Herz auf den Handrücken malen, bei Elternteil und Kind.
  • Erklären: „Das steht für unser unsichtbares Band. Auch wenn wir uns nicht sehen, sind wir verbunden.“

So kann ein Kind die Trennung leichter aushalten, ohne das Gefühl zu haben, die Bindung bricht ab.

Angst vor Erbrechen und Krankheiten: Scham, Kontrollverlust und neue Geschichten

Ein Thema, das viele Eltern überrascht: starke Angst vor Erbrechen, Durchfall oder Krankheiten bei Kindern. Oft liegt ein sehr konkretes, belastendes Erlebnis dahinter – zum Beispiel eine Magen-Darm-Grippe mit Erbrechen in der Öffentlichkeit.

Warum Erbrechen so bedrohlich wirkt

Erbrechen ist für Kinder (und Erwachsene) oft doppelt belastend:

  • Scham: „Alle haben mich gesehen“, „Wie peinlich“.
  • Kontrollverlust: „Mein Körper macht etwas, ohne dass ich es entscheide.“

Im Alltag erleben Kinder ihren Körper meist als steuerbar: rennen, klettern, Tore schießen. Erbrechen hingegen passiert „einfach“, ohne Zustimmung. Das kann das Vertrauen in den Körper erschüttern.

Das Ursprungserlebnis „umschreiben“

Wenn sich die Angst klar auf ein Ereignis zurückführen lässt, arbeitet Julia gerne spielerisch mit diesem Ursprung:

  • Das Erlebnis wird mit Puppen nachgespielt oder erzählt.
  • An den schwierigen Stellen (Scham, alle schauen zu) wird die Geschichte bewusst verändert:
    • Die anderen wenden sich liebevoll zu.
    • Jemand holt Hilfe, bringt frische Kleidung, tröstet.
    • Es wird betont, dass dem Kind danach besser geht.

Damit entsteht eine neue Bedeutung:

  • Nicht: „Mein Körper ist unberechenbar und eklig.“
  • Sondern: „Mein Körper ist super verlässlich und schützt mich, indem er etwas Schädliches loswird.“

Oder wie Julia es zuspitzt: Der Körper ist wie eine innere „Polizei“, die ruft: „Freunde, ihr gehört hier nicht rein, raus mit euch!“

Angst vor Bewertung – und wie Perspektivwechsel hilft

Hinter der Angst vor Erbrechen steckt häufig auch die Angst vor der Reaktion der anderen:
„Alle lachen mich aus. Alle finden mich eklig.“

Hier nutzt Julia mit Kindern (und Erwachsenen) gern einen Perspektivwechsel:

  • „Stell dir vor, jemand anderem würde das passieren. Was würdest du denken? Was würdest du tun?“

Fast alle merken: Sie würden Mitgefühl empfinden, helfen, trösten – und niemanden auslachen. Daraus lässt sich ableiten:

  • „So, wie du über andere denkst, könnten andere auch über dich denken – eher mitfühlend als verurteilend.“

Körperwissen aufbauen statt hypochondrisch scannen

Viele Kinder (wie auch Erwachsene) horchen stark in ihren Körper hinein: „Da kribbelt es, stimmt da etwas nicht?“

Hilfreich ist dann, den Körper besser zu verstehen:

  • Kinderfreundliche Körper- oder „Bauchbücher“ lesen.
  • Erklären, was normale Vorgänge sind (Grummeln nach Erbsen, Luft im Bauch, leichte Übelkeit nach Aufregung).
  • Ängste durch sachliche Informationen entlasten: Nicht jedes Grummeln ist eine Krankheit.

Wissen ist hier eine Art Gegengewicht zu Katastrophenphantasien und kann Ängste deutlich reduzieren.

Tod und Trennungsängste: ehrlich, kindgerecht und authentisch sprechen

Spätestens im Vorschulalter (oft schon um das vierte Lebensjahr) beginnen viele Kinder, über Tod und Sterben nachzudenken – besonders dann, wenn sie mit einem Todesfall (Haustier, Großeltern, Nachbar:in) konfrontiert wurden.

Eigene Haltung klären, bevor du erklärst

Bevor du mit deinem Kind über den Tod sprichst, ist es hilfreich, dir selbst einige Fragen zu beantworten:

  • Was glaube ich eigentlich: Gibt es einen Himmel? Gibt es nur diese eine Existenz? Gibt es etwas, das bleibt?
  • Was fühlt sich für mich stimmig und ehrlich an?
  • Welche kulturellen oder religiösen Bilder kenne ich (z.B. Feste, Rituale, Friedhofskultur)?

In unserer Gesellschaft wird der Tod häufig verdrängt und wenig besprochen. Umso wichtiger ist es, dass du als Elternteil eine authentische Sprache dafür findest.

Julia empfiehlt ausdrücklich:

  • Keine Geschichten erzählen, an die du selbst nicht glaubst – nur um dem Kind kurzfristig Angst zu nehmen.

Stattdessen kannst du ehrlich sagen:

  • „Wir wissen nicht genau, was nach dem Tod passiert.“
  • „Ich glaube, dass…“ (z.B. Erinnerungen bleiben, Menschen in uns „weiterleben“, etwas von ihrer Energie weiterwirkt).

Was bleibt, wenn jemand stirbt?

Tröstlich können Bilder sein, die den Fokus auf das, was bleibt, legen:

  • Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse, typische Sätze oder Gesten.
  • „Ich höre Papas Stimme noch in mir.“
  • „Oma lebt in meinen Erinnerungen und in den Dingen, die sie mir beigebracht hat.“

So lernen Kinder: Nicht alles ist einfach weg. Es gibt etwas, das in ihnen weiterlebt, selbst wenn ein Mensch körperlich nicht mehr da ist.

Wenn Todesgedanken zu Trennungsangst werden

Nach einem Todesfall im Umfeld ist es völlig normal, dass Kinder sich fragen:

  • „Könnte das auch meinen Eltern passieren?“
  • „Was, wenn Mama oder Papa sterben, während sie weg sind?“

Hier braucht es vor allem Verständnis und Entlastung:

  • „Es ist normal, dass du jetzt Angst hast. So ein Erlebnis wirft große Fragen auf.“
  • „Schau mal, wie lange ich schon lebe. In all den Jahren ist mir nichts Schlimmes passiert.“
  • „Ich gehe davon aus, dass mir heute auch nichts passiert – und dass dir auch nichts passiert.“

Wichtig ist dabei die Botschaft:

  • Wir leben mit Unsicherheit – aber wir müssen nicht davon ausgehen, dass ständig etwas Schlimmes passiert.

Trennung im Alltag konkret und transparent machen

Gerade wenn Kinder Angst um ihre Eltern haben, hilft es, Trennung konkret und überschaubar zu machen:

  • Erklären, wo du bist („Ich bin im Büro, hier ist ein Foto davon.“).
  • Mit Bildern arbeiten: ein Foto vom Arbeitsplatz, das das Kind anschauen kann.
  • Bei der Rückkehr bewusst sagen: „Schau mal, ich bin wieder da. Die Angst hat gesagt, ich komme nicht – aber sie lag falsch.“

So entstehen korrigierende Erfahrungen: Die Angst kündigt das Schlimmste an, die Realität verläuft viel harmloser. Diese Erlebnisse müssen benannt werden, damit das Kind sie auch innerlich abspeichern kann.

Reden, erklären, einordnen

Ein roter Faden in Julias Ansatz: Viel erklären. Kinder verstehen oft mehr, als wir denken – sie können nur noch nicht alles selbst einordnen.

Hilfreich ist zum Beispiel:

  • Verspätungen erklären („Wenn ich später komme, liegt es meistens an Stau oder Arbeit – nicht daran, dass mir etwas passiert ist.“).
  • Alltagsprobleme einordnen („Wenn ich oben deine Schwester ins Bett bringe, geh du in der Zeit oben auf Toilette, dann bin ich schnell wieder da.“).
  • Fragen ernst nehmen, statt sie zu bagatellisieren.

Wissen gibt Orientierung – und Orientierung nimmt Angst die Schärfe.

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Warum es normal ist, dass jedes Kind Ängste hat – und wann sie behandlungsbedürftig werden.
  • Wie du dein Kind mit Mini-Schritten sanft aus der Vermeidung holst.
  • Welche Rolle Elternängste spielen und warum du deine eigene Angstregulation im Blick haben solltest.
  • Wie Kinder mit guten Ressourcenbildern (z.B. Pausenhof, Spielplatz, liebevolle Erwachsene) mutiger werden.
  • Warum du dich als Elternteil als „Azubi“ verstehen darfst – es ist für alle das erste Mal.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Angst & Überforderung". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Angst & Überforderung"
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