„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.
Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️
In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit der ehemaligen Betroffenen Anna über eines der irritierendsten Symptome von Angststörungen und Depressionen: Derealisation und Depersonalisation.
Anna erzählt, wie sie sich von einem fröhlichen „Sonnenkind“ zu einer jungen Frau entwickelte, die sich selbst im Spiegel nicht mehr erkannte – und wie sie es trotzdem geschafft hat, wieder vollständig gesund zu werden.
Anna ist heute 29 Jahre alt, Yogalehrerin sowie Tanz- und Bewegungspädagogin. Vor rund acht bis neun Jahren war sie selbst schwer betroffen von:
Aus dieser Krise hat sie ihren Beruf gemacht: Heute begleitet sie Menschen dabei, zurück in ihren Körper, ins Fühlen und in ihre Selbstermächtigung zu kommen – mit Bewegung, Atmung und Körperarbeit.
Am Anfang wirkte alles „normal“: erster Freund, erste Wohnung, Job als Bürokauffrau im Familienbetrieb. Kein großer äußerer Knall, keine offensichtliche Krise. Und trotzdem begann sich etwas schleichend zu verändern.
Es startete harmlos – mit ein paar schlechten Nächten. Dann wurden daraus handfeste Schlafstörungen. Kurz darauf kam die erste Panikattacke:
Doch dabei blieb es nicht. Anna lebte zunächst ihren Alltag weiter, doch die Panikattacken wurden häufiger und intensiver, bis hin zu bis zu zehn Panikattacken pro Tag.
„Ich war immer ein Sonnenkind und gut drauf und das wurde immer mehr überdeckt durch diese Angst und durch diese Panikattacken, die mich aus dem Nichts überrascht haben.“
Wie so viele Betroffene versuchte Anna, ihr Leiden zu verstecken:
Irgendwann ging es nicht mehr: Anna brach vor Kollegen und Chef zusammen, beichtete ihre Panikattacken und wurde vom Chef persönlich nach Hause gefahren. Zu ihrer Überraschung erlebte sie viel Verständnis und Mitgefühl – ein wichtiges Gegenbild zur Angst, „niemand versteht mich“.
Nach vielen Panikattacken schlich sich ein neues Symptom ein, das Anna als „Wolke“ beschreibt:
„Da bist du selbst, du schaust in den Spiegel und es ist eine Wand vor dir, eine Wolke, ein Schleier, etwas, was dich von dir selbst abgrenzt.“
Genau das ist typisch für Derealisation und Depersonalisation: sich selbst und die Umwelt nicht mehr richtig „echt“ zu erleben, wie in einer Blase, abgetrennt von sich und der Welt.
Für Anna war das ihre größte Angst:
„Geht dieses Syndrom, dieses Gefühl, diese Empfindungen jemals wieder weg?“
Sie dachte, es sei unheilbar. Heute kann sie aus eigener Erfahrung sagen:
Ja, es geht wieder weg. Du kannst wieder ein normales, glückliches Leben führen.
Wie viele Betroffene suchte Anna zuerst online nach Erklärungen. Durch das Googeln stieß sie auf Derealisation/Depersonalisation – für sie gleichzeitig schockierend und erleichternd:
Christina macht in der Folge einen wichtigen Punkt klar: Psychische Diagnosen gehören immer in die Hände von Fachleuten. Eigenrecherche kann Hinweise geben, ersetzt aber keine ärztliche oder therapeutische Abklärung.
Annas Weg:
Typisch für dieses Symptom sind Gedanken wie:
Diese Gedanken verstärken die Derealisation jedoch oft. Das innere Katastrophendenken kurbelt das Nervensystem weiter an, die „Wolke“ wird dichter. Genau hier setzte Annas Heilungsweg an: Verstehen, Akzeptanz und ein anderer Umgang mit den Empfindungen.
Ein Wendepunkt für Anna war die Erkenntnis, dass Reden allein für sie nicht reicht. Sie brauchte einen Weg, aus dem Kopf in den Körper zu kommen.
In der Körperarbeit ging es nicht darum, die Derealisation „wegzumachen“, sondern sie in einem sicheren Rahmen zu fühlen und zu verkörpern:
Konkret hat Anna unter anderem erlebt:
„Der Körper ist voller Weisheit. Wenn man einmal anfängt, mit ihm zusammenzuarbeiten, tut er alles, damit es einem wieder gut geht.“
Christina verstärkt das: Gerade, wenn Meditation im Sitzen anfangs zu schwer ist, können Bewegung, Spaziergänge oder Tanz ein viel besserer Einstieg sein, um überhaupt wieder ins Spüren zu kommen.
Ein weiterer großer Wendepunkt war für Anna die innere Haltung:
„Ich habe gemerkt, es macht es für mich schlimmer, wenn ich mein ganzes Leben aufgebe. Dann gebe ich die ganze Macht an das Derealisationssyndrom ab.“
Sie begann wieder normale Dinge zu machen, obwohl sie sich weiterhin unwirklich fühlte:
Die Botschaft an ihren Körper lautete: „Ich bin mit dieser Empfindung sicher. Ich kann mein Leben trotzdem leben.“
Christina fasst es mit einem Bild zusammen:
„Ich lasse es rauschen.“ – also das Symptom wahrnehmen, aber nicht ständig kontrollieren und prüfen, ob es noch da ist.
Der Verlauf war nicht linear. Es gab Phasen, in denen alles leichter wurde, und dann wieder Rückschläge – zum Beispiel, wenn:
Statt diese Phasen als „Versagen“ zu deuten, hat Anna gelernt, sie als Teil des Prozesses zu sehen:
Aus dieser Zeit hat Anna eine persönliche Toolbox mitgenommen, die ihr bis heute hilft – und die niemand ihr mehr nehmen kann:
Später, als ihr Hund eine Bandscheiben-OP hatte und die Situation sie stark belastete, merkte Anna genau, wie sehr sie gewachsen ist: Sie spürte eine aufkommende Panik, konnte sich aber selbst regulieren und erlebte bewusst:
„Dieser ganze Weg war nicht umsonst. Ich habe die Kontrolle über meinen Körper, ich bin sicher. Es wird nie wieder so schlimm werden wie früher.“
Heute sagt Anna klar: Ihr Leben ist schöner als vor der Angststörung. Und sie ist überzeugt, dass ihr Körper sie damals auf etwas Wichtiges hinweisen wollte.
Christina und Anna sind sich einig: Hinter vielen Angst- und Depressionssymptomen steckt oft ein Leben, das nicht zu den eigenen Bedürfnissen und Werten passt:
Christinas Psychiater brachte es einmal so auf den Punkt: Hinter vielen Ängsten und Depressionen steckt eine Unterdrückung von Bedürfnissen. Ein Körper, der zu 100 Prozent glücklich mit dem eigenen Leben ist, hat selten Grund, dauerhaft Angst zu produzieren – abgesehen von klar organischen Erkrankungen.
Für Anna bedeutete das konkret:
„Mein Leben hat sehr an mir gerüttelt, aber jetzt bin ich sehr dankbar. Ich führe ein viel schöneres Leben als vor dem Syndrom.“
Mittlerweile arbeitet Anna als:
Sie hilft ihren Teilnehmer:innen,
Der Blick auf ihre Geschichte hat sich komplett gewandelt:
„An allem Schlechten ist immer etwas Gutes. Ohne das Syndrom wäre ich heute nicht diejenige, die andere dabei unterstützt.“
Christina bringt es auf den Punkt: Viele erleben Angst, Panik und Derealisation als das Schlimmste, was ihnen je passiert ist – und sagen Jahre später, es sei gleichzeitig das Wichtigste gewesen, weil es sie zurück zu sich selbst geführt hat.
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