Trauma überwinden, Angst vor Geräuschen (Phonophobie)

Wenn das Nervensystem überfordert ist

13.01.2026
Trauma überwinden, Angst vor Geräuschen

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

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Inhalt

Angst vor Geräuschen: Wenn Lärm zur Todespanik wird

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Christina Hillesheim mit Julia über ein Thema, das viele nicht kennen – und doch viel verbreiteter ist, als man denkt: Phonophobie, die Angst vor bestimmten Geräuschen. Am Beispiel von Julias Lebensgeschichte wird deutlich, wie eng Angst, Kindheitstrauma, Burnout und unser Nervensystem zusammenhängen – und was wirklich helfen kann.

Unser Gast: Julia

Julia ist ehemalige PR-Managerin in der Musikindustrie und spätere Senior-Kommunikationsberaterin in einer großen Agentur. Nach einer extrem belasteten Kindheit, mehreren Burnouts und einer ausgeprägten Phonophobie lebt sie heute auf dem Land, schreibt einen Blog über ihre Erfahrungen und teilt offen, wie sie gelernt hat, mit Angst, Trauma und chronischer Erschöpfung zu leben – ohne daran zu zerbrechen.

Phonophobie: Wenn Nachbarn, Musik und Alltagsgeräusche zur Bedrohung werden

Phonophobie ist mehr als „Lärm nervt mich“. Es ist eine Angststörung, bei der bestimmte Geräusche eine massive Stressreaktion bis hin zu Todesangst auslösen.

Was Phonophobie ausmacht

Julia beschreibt es so:

„Ich hatte nie Panik. Und da hatte ich dann Todespanik. Einfach richtige Todespanik.“

Typische Merkmale, wie sie Julia erlebt:

  • Auslöser: vor allem Geräusche aus der Nachbarschaft – laute Musik, Schritte, Partys, Kindergeburtstage.
  • Gefühlte Bedrohung: nicht „nur“ genervt, sondern akute Angst, ausgeliefert zu sein.
  • Körperliche Reaktionen: Daueranspannung, Schlaflosigkeit, Herzrasen, anhaltende Panik.
  • Hyperfokus: das Nervensystem sucht aktiv nach Geräuschen („Ich habe den Beat schon gehört, wenn mein Mann noch gar nichts wahrgenommen hat.“).

Wichtig ist Julias Unterscheidung:

  • Geräuschempfindlich = Lärm stört, nervt, stresst.
  • Geräusche überempfindlich / Phonophobie = Geräusche lösen Todesangst und massive Stressreaktionen aus.

Der Auslöser: Burnout trifft Trauma

2016, in ihrem dritten und heftigsten Burnout, lebte Julia in einem extrem hellhörigen Altbau in Hamburg:

  • Dünne Wände, kaum Dämmung, jedes Geräusch der Nachbarn war hörbar.
  • Über ihr ein sehr lauter, aggressiver Nachbar, der ständig Musik hörte.
  • Unter ihr eine Nachbarin mit mehreren schreienden Babys in einer winzigen Wohnung.

In dieser Phase totaler Erschöpfung brauchte Julia vor allem eins: Ruhe. Stattdessen erlebte ihr Nervensystem Dauerbeschallung.

„Alles in mir hat nach Ruhe geschrien. Und gleichzeitig war es um mich herum so laut, dass ich mich ausgeliefert gefühlt habe.“

Die Folge: Ihr System kippte – aus „Lärm nervt“ wurde eine Traumafolgestörung mit Phonophobie.

Warum kindliche Erfahrungen so laut zurückkommen

Die Geräusche in der Hamburger Wohnung waren nicht das eigentliche Problem, sondern der Trigger für alte Wunden:

  • laute Punkmusik in der Kindheit,
  • ein gewalttätiger Stiefvater,
  • chaotische, laute Wohnung mit Gewalt, Drogen, Alkohol,
  • kein sicherer Rückzugsort, kein geschützter Schlafplatz,
  • Suizid der Mutter, als Julia neun Jahre alt war.

„Auf einmal war diese kleine Julia in mir wieder wahnsinnig präsent.“

Wenn heute laute Musik aus der Nachbarwohnung dröhnt, meldet sich nicht die erwachsene Frau, die rational weiß, dass keine Gefahr droht, sondern der innere Kinderanteil, der gelernt hat: „Laut = Lebensgefahr“.

Burnout, agitierte Depression und ein Nervensystem am Limit

Julias Weg in die Phonophobie ist ohne ihre Burnout-Geschichte kaum zu verstehen. Sie beschreibt sich selbst als jemand, der „an allen Ecken gebrannt“ hat – und das schon als Kind.

„Seit ich geboren bin, im Burnout“

Rückblickend erkennt Julia: Die Basis für ihre späteren Zusammenbrüche lag früh:

  • Schwere Kindheit mit Gewalt, Verlust und chronischem Stress.
  • Histrionische Muster: sehr dramatisch, immer „auf 180“, viel Bühne – privat wie beruflich.
  • Trotz allem: enorme Lebenslust, die sie durch viele Jahre getragen hat.

Erster Burnout: Panik, Atemnot, Löwenmama im Overdrive

Mit Anfang 30, frisch Mutter, wechselt Julia in einen HR-Job im Musiklabel. Weniger Tour, weniger Nachtleben – aber innerlich läuft sie weiter im Dauerleistungsmodus:

  • Trennung vom Kindsvater,
  • alle Care-Arbeit hauptsächlich bei ihr,
  • gleichzeitig „Löwenmama“, die alles für ihr Kind tun will.

Die Symptome lesen sich wie aus dem Lehrbuch:

  • Panikattacken
  • Atemnot und Herzrasen
  • massive Schlafstörungen

Nach einem Zusammenbruch in einer psychiatrischen Ambulanz wird sie krankgeschrieben – kehrt aber viel zu früh zurück, aus finanziellen Gründen und dem inneren Druck, funktionieren zu müssen.

Zweiter und dritter Burnout: Karriere, Überkompensation und Kollaps

In den folgenden Jahren macht Julia weiter Karriere:

  • Senior-Kommunikationsberaterin in einer internationalen Agentur,
  • große Kund:innen, Messen, Reisen, alles mit Kind,
  • im Hintergrund der alte Antrieb: „Ich bin nicht das ‚Schmuddel-Punk-Kind‘, ich bin eine gestandene Beraterin.“

Ihr Körper sendet immer deutlichere Warnsignale:

  • anhaltende Erschöpfung,
  • Müdigkeit ohne erkennbaren Grund,
  • Panik auf dem Weg zur Arbeit – bis hin zum Erbrechen in den Papierkorb vor lauter Stress.

2017 ist endgültig Schluss: Nach einer schweren Operation, massivem Blutverlust und Dauerpanik bricht Julia bei ihrer Ärztin weinend zusammen. Sie wird „aus dem Verkehr gezogen“ – und fällt innerlich von 180 auf 0.

„Ich war wie ein Rennpferd, das von 180 km/h direkt auf die Weide gestellt wird.“

Statt Ruhe kommt die agitierte Depression – eine depressive Phase, die nicht mit Lähmung, sondern mit extremer innerer Unruhe und Aktionismus einhergeht:

  • putzen, organisieren, leisten – obwohl nichts mehr geht,
  • unfähiges Nervensystem, abzuschalten,
  • der Körper permanent „kurz vorm Platzen“.

Therapie, radikale Akzeptanz und praktische Strategien im Alltag

Julia hat – wie du vielleicht auch – alles ausprobiert: verschiedene Therapeut:innen, Psychiater, Antidepressiva, Klinikaufenthalte, Reha, Yoga, Meditation, Podcasts, Bücher. Entscheidend war nicht „die eine Methode“, sondern ein Zusammenspiel aus Verstehen, Handeln und Akzeptieren.

Warum Verstehen entlastet: Trauma, Geräusche und die „kleine Julia“

Ein Wendepunkt war eine Traumatherapie bei einer Therapeutin, mit der die Chemie stimmte.

Wichtige Elemente:

  • Biografiearbeit: Familiengeschichte, Kindheit, belastende und schützende Anteile anschauen.
  • Innere Anteile: Die „kleine Julia“ (das traumatisierte Kind) klar von der erwachsenen Julia unterscheiden.
  • Sicherheit im Heute: immer wieder betonen, dass das heutige Umfeld nicht mehr das frühere Gewaltumfeld ist.

Ein Satz, der für Julia zentral geworden ist:

„Die kleine Julia ist in Sicherheit. Ich als erwachsene Julia habe uns ein sicheres Leben erschaffen.“

Traumatherapeutische Methoden im Überblick

Ihre Therapeutin hat verschiedene Methoden mit ihr ausprobiert – und genau das behalten, was zu Julia passt:

  • EMDR / bilaterale Stimulation (z. B. über Töne oder visuelle Reize), um belastende Erinnerungen im Gehirn neu zu verarbeiten.
  • EFT / Klopftechnik – bei Julia in einer sanften, ressourcenorientierten Variante:
    • Klopfen an Schlüsselbein oder anderen Punkten,
    • dazu beruhigende Sätze wie:
      „Die kleine Julia ist in Sicherheit. Ich als Erwachsene kümmere mich.“
  • Kein Schema F: keine erzwungenen „Krafttier-Reisen“ oder Hypnose, weil Julia sich dabei nicht sicher fühlte.

Ihr wichtigster Punkt dazu:

  • Gute Therapie ist individuell. Wenn sich eine Methode für dich falsch anfühlt, ist das ein Signal, nicht ein Fehler deinerseits.

Radikale Akzeptanz: Annehmen ohne sich aufzugeben

Ein weiterer Kern ihrer Entwicklung ist, was sie „radikale Akzeptanz“ nennt. Dabei geht es nicht darum, die Angst großzuziehen oder sich seinem Schicksal zu ergeben, sondern:

  • anzuerkennen, was jetzt ist – ohne dauernden inneren Widerstand,
  • die Energie nicht in „Warum ich?“ zu verbrennen,
  • trotz Angst handlungsfähig zu bleiben.

Für Julia bedeutet das konkret:

  • Sie akzeptiert, dass Phonophobie ein Teil ihrer Geschichte ist und wohl immer eine Rolle spielen wird.
  • Sie akzeptiert ihre chronische Erschöpfung nach vielen Jahren erfolgloser Ursachen- und Heilungssuche.
  • Sie lässt neugierig offen, dass es in Zukunft besser werden kann, ohne darauf zu warten, bis es besser ist, um ihr Leben zu leben.

„Es macht keinen Sinn, immer zu fragen: Warum ich? Das kostet nur Energie, die ich nicht habe.“

Handeln statt verharren: Umzug, Grenzen und Kommunikation

Akzeptanz heißt für Julia nicht: sitzen bleiben und leiden. Im Gegenteil – an entscheidenden Stellen hat sie klar gehandelt:

  • Auszug aus der hellhörigen Wohnung in einen Neubau mit dicken Wänden, später Umzug aufs Land.
  • Bewusste Wahl der Umgebung: Natur, kleiner Ort, weniger städtische Geräuschkulisse.
  • Offene Kommunikation mit Nachbar:innen, z. B.:
    • „Musik löst bei mir leider Angstgefühle aus. Meinst du, du könntest sie etwas leiser machen?“
    • ohne Vorwurf, ohne Aggression, mit Erklärung statt Angriff.
  • Humor und Kreativität:
    • Handwerker bekommen Kaffee und Kekse – und drehen dafür die Musik runter.

Sie weiß: Nicht alle reagieren verständnisvoll. Aber nicht zu fragen bedeutet, im Schmerz zu bleiben.

Grundprinzip:

  • Angst spüren, aber nicht in ihr aufgehen.
  • Prüfen: Was kann ich real verändern (Wohnsituation, Gespräch, Hilfe suchen)?
  • Und wo geht es darum, die innere Welle kommen und wieder gehen zu lassen?

Körper statt Kopf: Was in Akutsituationen wirklich hilft

Gerade in Phasen von Panik, agitierter Depression oder starker innerer Unruhe helfen kognitive Strategien oft nur begrenzt. Julia (und Christina) haben erlebt, was in solchen Momenten eher funktioniert:

  • Noise-Cancelling-Kopfhörer:
    • nicht als Dauerlösung, aber als Rettungsanker in akuten Situationen,
    • um das Nervensystem kurzfristig zu entlasten.
  • Schüttelmeditation:
    • Körper bewegen, ausschütteln, Spannung „rauslassen“,
    • statt still sitzen und meditieren, wenn die Angst zu groß ist.
  • EFT / Klopfen:
    • mit beruhigenden Sätzen, nicht mit Fokus auf das Negative.
  • Natur:
    • Spaziergänge im Wald, am See, im Garten,
    • Tiere beobachten, draußen sein, den Körper wieder spüren.

Beide betonen: Nicht jede Übung ist für jede Person geeignet. Wenn dir eine Methode garnicht guttut, ist das kein Versagen – dann ist sie schlicht nicht deine.

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Wie du eine passende Therapeutin oder einen passenden Therapeuten findest – und warum du wechseln darfst, wenn es nicht passt.
  • Warum viele Betroffene medizinisches Gaslighting erleben („Stell dich nicht so an“) und wie du damit umgehen kannst.
  • Der Unterschied zwischen gesunder Lärm-Genervtheit und echter Angststörung – und warum beides ernst genommen werden darf.
  • Wie du mit Hypochondrie und Angst vor Krankheiten ähnlich umgehen kannst wie mit Geräuschangst.
  • Warum Natur für fast alle Menschen mit Angst, Burnout oder Depression ein Gamechanger werden kann.
  • Wie Julias Blog Betroffenen Mut macht und konkrete Tipps für Akutphasen gibt.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Akute Angst & Panik". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Akute Angst & Panik"
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