Angst vor dem Erbrechen: Essstörung oder Angststörung

Interview mit Therapeutin Dr. Julia Tanck

06.05.2024
Angst vor dem Erbrechen - Essstörung oder Angststörung - Interview mit Therapeutin Dr. Julia Tanck

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

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Inhalt

Angst vor dem Erbrechen & Essstörungen: Was wirklich dahintersteckt

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit der Psychotherapeutin Dr. Julia Tank über ein Thema, das viele betrifft, aber kaum jemand offen anspricht: die Angst vor dem Erbrechen (Emetophobie), ihre Ursachen, typische Verläufe und wie man sie behandeln kann. Außerdem geht es um die Abgrenzung zu Essstörungen und den Einfluss von Social Media auf unser Körperbild.

Die Folge richtet sich vor allem an Frauen, die unter Angststörungen, Emetophobie, Essstörungen oder starkem Körperzweifel leiden – und an alle, die ihr Verhältnis zu Körper, Essen und Social Media heilen oder entspannen möchten.

Unser Gast: Dr. Julia Tank

Dr. Julia Tank ist Psychologin und Psychotherapeutin aus Hamburg. Sie arbeitet mit Patientinnen und Patienten mit verschiedenen psychischen Erkrankungen, vor allem mit Essstörungen und Körperbildstörungen – stationär in der Psychiatrie und ambulant in ihrer Praxis.

In ihrer Doktorarbeit und klinischen Arbeit hat sie beobachtet, dass Angststörungen häufig fälschlicherweise als Essstörungen eingestuft werden, wenn starkes Vermeidungsverhalten beim Essen auftritt. Genau hier setzt das Gespräch an: Wie unterscheidet man Emetophobie von einer Essstörung? Wie hängen Angststörungen und Essstörungen zusammen? Und was können Betroffene konkret tun?

Emetophobie: Wenn die Angst vor dem Erbrechen das Leben bestimmt

Viele Betroffene glauben, mit ihrer Angst völlig allein zu sein. Die Realität sieht anders aus: Die Angst vor dem Erbrechen ist weit verbreitet, wird aber selten offen thematisiert.

Typische Auslöser und Ursachen

Oft beginnt Emetophobie schon in der Kindheit oder Jugend – meist nach einem einzelnen, stark belastenden Erlebnis rund um Erbrechen, etwa:

  • man selbst musste sich plötzlich und unkontrolliert übergeben
  • jemand anderes erbricht in der Öffentlichkeit (z. B. im Bus, in der Schule, auf einer Feier)
  • es kommt dabei zu starker Scham und Kontrollverlust

Ein prägendes Beispiel aus der Praxis: Ein Kind erlebt, wie ein Mitschüler sich im vollen Bus erbricht und „an allen vorbeiläuft“. Das Bild brennt sich ein. Auch wenn sich daraus nicht immer eine Phobie entwickelt, wird deutlich, wie stark und langfristig solche Szenen wirken können.

Bei vielen Betroffenen entsteht daraus Schritt für Schritt eine immer größere Angstspirale:

  • starke Aversion gegen Erbrechen, zunächst in einzelnen Situationen
  • zunehmendes Vermeidungsverhalten (Menschen, Orte, Lebensmittel)
  • immer größerer Fokus auf Kontrolle von Körper und Umgebung

Hinter der Emetophobie steckt häufig weniger der Ekel als Kernproblem, sondern eine tieferliegende Angst vor Kontrollverlust.

Wie Emetophobie den Alltag einschränkt

Mit der Zeit kann die Angst nahezu alle Lebensbereiche durchdringen. Typische Vermeidungsstrategien sind:

  • Kein Kontakt zu kleinen Kindern oder Kitas, weil dort „ständig Magen-Darm-Infekte kursieren“
  • Rückzug von Freundinnen mit Kindern aus Angst vor Ansteckung
  • Meiden von Gastronomie oder nur extrem eingeschränkte Lebensmittelauswahl
  • Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Milchprodukte, Fleisch), weil sie „verdorben sein könnten“
  • Lebensmittel schon Tage vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums wegwerfen
  • Vermeidung von Partys, Clubs oder Stadtvierteln, in denen Menschen alkoholisiert sein könnten

Dr. Julia Tank fasst es so zusammen:

„Man hört schon raus, wie viel Raum das dann am Ende einnehmen kann. Ich gehe nicht mehr mit Kindern um, nicht mehr in Restaurants, nicht mehr auf Feiern – und mein Essverhalten wird immer restriktiver.“

Wichtig: Oft essen Betroffene deutlich weniger oder sehr einseitig, nicht aus Angst vor Gewichtszunahme, sondern nur aus Angst vor Erbrechen oder Durchfall. Das kann nach außen wie eine Essstörung wirken, ist aber vom inneren Antrieb her eine Angststörung.

Erste Schritte aus der Angst

Emetophobie ist eine spezifische Phobie und damit eine anerkannte psychische Erkrankung, die grundsätzlich gut behandelbar ist und – bei entsprechender Diagnose – von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden kann.

Dr. Julias wichtigste Empfehlungen:

  • Nimm deine Belastung ernst. Wenn du dich fragst „Brauche ich eine Therapie?“, ist das oft schon ein Signal, dass ein Erstgespräch sinnvoll ist.
  • Vermeidung schrittweise abbauen statt weiter auszubauen:
    • Welche Situationen meide ich (z. B. Kindergeburtstage, Restaurants, bestimmte Lebensmittel)?
    • Wie könnte ein kleiner erster Schritt hinein aussehen – mit Sicherheitsnetz (z. B. vertraute Person, Ausstiegsmöglichkeit)?
  • Realistische Wahrscheinlichkeiten prüfen:
    • Wie oft habe ich mich in den letzten Jahren tatsächlich erbrochen?
    • Wie oft hatte ich Angst davor im Vergleich dazu?
  • Körpersymptome neu einordnen: Übelkeit und Bauchgrummeln können auch durch Angst entstehen, nicht nur durch einen Infekt.

Eine Kernbotschaft der Folge lautet:

„Die Angst ist viel häufiger da als das Ereignis selbst. Viele können sich gar nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal wirklich erbrochen haben.“

Angst vor der Angst: Trigger nicht weiter meiden

Viele Betroffene meiden nicht nur Situationen, sondern auch Informationen – etwa Workshops, Podcasts oder Bücher zum Thema, aus Angst, dadurch „noch mehr Angst“ zu bekommen.

Das ist verständlich, verstärkt aber langfristig den Teufelskreis:

  • Angst vor dem Erbrechen → Vermeidung von Situationen
  • Angst vor der Angst → Vermeidung von hilfreichen Inhalten und Veränderung

Hilfreich ist stattdessen:

  • bewusst zu entscheiden: „Ich will etwas ändern“
  • sich z. B. einen Workshop oder eine Podcastfolge trotz aufkommender Unruhe anzuhören
  • die kurzfristige Anspannung als Investition in langfristige Freiheit zu sehen

Überforderung bringt allerdings wenig. Wichtig ist ein langsam aufgebautes Training, bei dem du neue, korrigierende Erfahrungen machst – und merkst, dass du Situationen und Gefühle aushalten kannst.

Mit Körperreaktionen besser umgehen

Viele Betroffene erleben psychosomatische Symptome wie:

  • Übelkeit
  • flaues Gefühl im Magen
  • Bauchschmerzen oder Durchfall bei Angst

Diese Symptome entstehen häufig erst durch die ängstlichen Gedanken („Was, wenn ich mich anstecke?“) und die Daueranspannung. Ein typisches Muster ist: Zuerst ist alles okay – erst nach der Information „Das Kind hatte Magen-Darm“ treten Symptome auf.

Hilfreiche Strategien:

  • Gefühle & Symptome bewusst aushalten, statt sofort zu flüchten
  • Atemübungen oder achtsame Wahrnehmungslenkung einsetzen
  • beobachten: „Spannend, die Übelkeit kommt – und sie geht auch wieder.“
  • Schritt für Schritt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit aufbauen: „Ich kann in der Situation bleiben, ohne dass das Schlimmste passiert.“

Essstörung oder Angststörung? Wichtige Unterschiede und Überschneidungen

Weil Emetophobie oft mit stark eingeschränktem Essverhalten einhergeht, werden Betroffene nicht selten als „Essstörungspatient:innen“ eingestuft. Dr. Julia Tank betont, wie wichtig es ist, die inneren Motive zu unterscheiden.

Was kennzeichnet eine Essstörung?

Essstörungen gehören zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Vor allem die Anorexia nervosa (Magersucht) weist die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischen Störungen auf – vor allem durch die körperlichen Folgen des massiven Untergewichts, etwa Herzstillstand.

Typisch sind:

  • zentraler Fokus auf Gewicht und Figur
  • intensive Angst vor Gewichtszunahme
  • starkes Bedürfnis nach Kontrolle über Essen und Körper

Wichtige Formen von Essstörungen:

  • Anorexia nervosa (Magersucht): massive Gewichtsreduktion, extremes Untergewicht, stark verzerrte Körperwahrnehmung
  • Bulimia nervosa: wiederkehrende Essanfälle, gefolgt von kompensatorischen Maßnahmen (Erbrechen, Abführmittel, exzessiver Sport)
  • Binge-Eating-Störung: wiederkehrende Essanfälle ohne kompensatorische Maßnahmen, häufig mit deutlicher Gewichtszunahme verbunden

Essstörungen gehen häufig mit weiteren Problemen einher, zum Beispiel:

  • Depression
  • soziale Ängste
  • starker sozialer Rückzug

Wie unterscheiden sich Essstörung und Emetophobie?

Es gibt Gemeinsamkeiten, aber einen zentralen Unterschied:

  • Bei Angststörungen (wie Emetophobie) dreht sich die Angst um andere Inhalte, z. B.:
    • Erbrechen
    • Krankheiten
    • Höhen, Spritzen, bestimmte Situationen
  • Bei Essstörungen dreht sich die Angst vor allem um:
    • Gewichtszunahme
    • Figur/Körperform

Beide Störungsbilder können beinhalten:

  • Vermeidungsverhalten (Lebensmittel, Situationen)
  • Sicherheitsverhalten (z. B. Rückversicherung bei anderen, ständiges Kontrollieren)

Entscheidend ist daher immer die Frage: Wovor habe ich eigentlich Angst?

  • „Ich esse das nicht, weil ich Angst habe, mich zu übergeben.“ → eher Angststörung / Emetophobie
  • „Ich esse das nicht, weil ich Angst habe, zuzunehmen.“ → eher Essstörung

In der Praxis treten beide Störungen häufig gemeinsam auf. Deshalb ist ein ganzheitlicher Blick in Diagnostik und Therapie so wichtig.

Social Media, Körperbild und der Druck zur Selbstoptimierung

Im zweiten großen Themenblock geht es um Social Media und die Frage, wie Plattformen wie Instagram & Co. unser Körperbild, Essverhalten und Selbstwertgefühl beeinflussen.

Unrealistische Körperideale und ständiger Vergleich

Über Social Media werden uns permanent „Ideal-Körper“ präsentiert – meist stark bearbeitet, gefiltert und weit entfernt von der Realität der meisten Menschen. Besonders Jugendliche sind davon betroffen.

Dr. Julia beschreibt, was das mit uns macht:

  • Wir bekommen das Gefühl: „So sieht normal aus.“
  • Wir vergleichen uns fast immer „nach oben“ (mit vermeintlich Besseren, Schlankeren, Fitteren).
  • Daraus entsteht schnell: „Ich bin nicht gut genug.“

Hinzu kommen:

  • Filter, die Haut, Gesichtszüge und Proportionen massiv verändern
  • eine „heile Welt“, in der alle immer gut drauf, erfolgreich und perfekt gestylt scheinen
  • teilweise direkte Werbung für Schönheits-OPs – inklusive Rabattcodes

Ein Begriff dafür ist „Selfie Dysphoria“: Menschen können sich irgendwann nur noch mit Filter ertragen und empfinden ihr echtes Aussehen als „nicht zumutbar“.

Von Filtern zur OP? Wenn Selbstoptimierung kippt

Schönheits-OPs haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, auch bei sehr jungen Menschen. Dr. Julia berichtet, dass plastische Chirurg:innen zunehmend Anfragen von 18- bis Anfang-20-Jährigen bekommen, die z. B. Brustvergrößerungen oder Po-Operationen wollen.

Einige Ärzt:innen ziehen hier klare Grenzen, aber das gesellschaftliche Signal ist deutlich: „Du bist optimierbar – und solltest es auch tun.“

Dabei ist wichtig zu unterscheiden:

  • Gesunde Selbstfürsorge:
    • Schminken, Haare färben, Tattoos, Microblading etc., weil es Freude macht
    • kein Einbruch des Selbstwerts, wenn man einmal „ungeschminkt“ ist
  • Problematische Selbstoptimierung:
    • Gefühl: „Ohne das bin ich nichts wert.“
    • kein Ende in Sicht (viele Eingriffe, ständiges Nachbessern)
    • Entscheidungen vor allem aus Angst und Selbstabwertung

Dr. Julias Anliegen ist es, dass wir uns klar machen, welche Kräfte da auf uns wirken – und wie wir unseren Selbstwert wieder mehr von innen als von außen beziehen können.

Ein liebevollerer Blick auf den eigenen Körper

Christina teilt zum Schluss noch ihre persönliche Entwicklung: Heute nutzt sie Sport und Ernährung vor allem, um sich gesund, fit und lebendig zu fühlen – nicht, um einem Ideal zu entsprechen.

Wichtige Perspektivwechsel, die sie beschreibt:

  • Fokus auf Körpergefühl statt Optik: „Wie fühlt sich mein Körper an?“
  • Bewusstsein für körperliche Leistungen – z. B. Schwangerschaft, Geburt, Alltag mit Kindern
  • weniger Selbstkritik wegen Cellulite, Kilos oder Kleidergröße

Gerade nach Schwangerschaft und Geburt kann es helfen, sich klar zu machen:

  • Dieser Körper hat Menschen erschaffen und getragen.
  • Cellulite, Dehnungsstreifen oder verändertes Gewicht sind kein Makel, sondern Teil dieser Geschichte.

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Wie sich Angst- und Beziehungsmuster antrainieren – und wie du sie durch neue Erfahrungen „umschreiben“ kannst.
  • Warum unser Gehirn Gewohnheit liebt und Veränderungen sich zuerst unsicher, später aber befreiend anfühlen.
  • Der Zusammenhang von psychosomatischer Übelkeit, Angstgedanken und körperlichen Signalen.
  • Wie du dein Social-Media-Nutzungsverhalten reflektieren und bewusster gestalten kannst.
  • Vorstellung von Dr. Julia Tanks Buch „Unfiltered – Social Media und unser Körperbild“ für alle, die ihr Körperbild entspannen wollen.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Psychosomatik & Symptome". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Psychosomatik & Symptome"
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