„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.
Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️
In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Host Christina Hillesheim mit Autor und MyMonk-Gründer Tim Schlenzig über soziale Ängste, Depressionen und die heilsame Kraft des Schreibens. Beide teilen sehr offen ihre persönlichen Geschichten mit Angst, Panik, Einsamkeit und innerem Druck – und zeigen, wie Ausdruck, Verbindung und Akzeptanz den Weg in ein lebenswertes Leben ebnen können.
Die Zielgruppe dieser Folge sind vor allem Menschen, die:
Tim Schlenzig ist der Kopf hinter einem der bekanntesten deutschen Onlineportale für mentale Gesundheit: MyMonk. Seit 2012 schreibt er über innere Ruhe, Selbstzweifel, Überforderung und den Weg zu einem freundlicheren Umgang mit sich selbst.
Was viele nicht wissen: Hinter den lebensnahen, oft hoffnungsvollen Texten steckt ein Mensch, der selbst lange mit sozialer Phobie, Panikattacken, Einsamkeit und Depression gelebt hat. In seinem Buch „Sei dein eigenes Zuhause“ verarbeitet Tim diese Erfahrungen in kurzen, verdichteten Texten, die viele Leserinnen und Leser tief berühren – gerade weil sie nichts beschönigen.
In dieser Podcastfolge spricht er offen darüber,
Tim beschreibt seine Angstgeschichte als etwas, das „keinen richtigen Anfang“ hat. So weit er zurückdenken kann, waren Ängste Teil seines Lebens.
Schon im Vorschulalter hatte Tim das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen:
„Ich war vielleicht vier oder fünf und habe immer wieder ganz tief eingeatmet und hatte trotzdem das Gefühl: Es reicht nicht.“
Seine Eltern gingen mit ihm zum Arzt. Die Antwort damals: „Passt schon.“ Kein weiterer Blick auf sein Nervensystem, keine Erklärung, kein Halt. Für ein Kind, das Panik erlebt, ist das wenig tröstlich.
Heute vermutet er, dass diese frühen Erfahrungen, zusammen mit einer schweren Erkrankung als Baby und mehreren Wochen im Krankenhaus ohne direkten Elternkontakt, einen tiefen Abdruck hinterlassen haben:
Christina erkennt sich darin teilweise wieder. Auch sie kennt Ängste „seit Grundschulzeit“, vor allem in Form von Verlustangst um ihre Mutter: Schon wenige Minuten Verspätung reichten, um massive Panik auszulösen. Beide Geschichten zeigen:
Im Laufe der Jahre haben sich Tims Ängste immer wieder verändert:
Er beschreibt etwas, das viele kennen: Wenn Panikattacken nachlassen, verschwinden die Ängste nicht immer komplett. Sie „breiten sich aus“, werden allgemeiner, etwa als:
Christina ergänzt aus ihrer Erfahrung, dass der Körper lernen kann, Panik nicht mehr ernst zu nehmen. Ihre Panikattacken endeten irgendwann, auch wenn Angstzustände und generelle Anspannung sie noch im Burnout begleiteten. Entscheidend: Der Umgang damit veränderte sich.
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Depression. Tim und Christina beschreiben sehr unterschiedliche, aber in einem Punkt ähnliche Erfahrungen: Die Gefühle scheinen wie abgeschnitten.
Tim erinnert sich an eine lange Phase, in der er kaum noch Emotionen wahrnahm:
„Ich habe einen Freund angerufen und gesagt: Ich glaube, ich fühle gar nichts mehr. Und ein Teil von mir fand das sogar positiv.“
Weinen war jahrelang kaum möglich – höchstens mal bei einem Film, und auch das sehr selten. Für viele, die ähnliche Zustände erleben, ist das Wiederentdecken von Tränen ein wichtiges Signal: Da kommt wieder etwas in Bewegung.
Christina beschreibt ihre Burnout-Zeit ganz ähnlich:
Erst als sie wieder weinen konnte, merkte sie, wie heilsam Tränen eigentlich sind. Schmerz zuzulassen, statt ihn nur „wegzutherapieren“, wurde zu einem ihrer wichtigsten Learnings.
Spannend ist, dass Tim ausgerechnet in einer der schwierigsten Phasen – tiefe Einsamkeit, depressive Zustände – angefangen hat, wieder zu schreiben. Entgegen der verbreiteten Annahme, in einer schweren Depression sei Kreativität unmöglich, war das Schreiben für ihn:
„Vielleicht habe ich dem Schreiben mein Leben zu verdanken. Ich kann es nicht beweisen, aber ein bisschen fühlt es sich so an.“
Damit rückt ein zentraler Gedanke in den Mittelpunkt:
Für beide, Tim und Christina, ist Schreiben eines der wichtigsten Werkzeuge, um mit Angst, Überforderung und depressiven Zuständen klarzukommen.
Tim erzählt, wie er das Schreiben neu lernen musste. Er wollte wieder schreiben, aber nicht mehr dieselben Ratgebertexte wie früher. Also fing er an, kurze Texte „nur für sich“ zu schreiben. Nach ein paar Hundert merkte er:
Der Wendepunkt kam, als er sich fragte: „Warum berührt mich das selbst nicht?“ und beschloss, endlich über etwas wirklich Eigenes zu schreiben. So entstand der erste Text im späteren Buch – über das neugeborene, schwer kranke Baby, das er einmal war.
„Ich habe dieses Baby zum ersten Mal wirklich gesehen, war für es da, und ich habe so krass geheult. Auf eine traurige Weise hat es mir unglaublich gutgetan.“
Diese Erfahrung zeigt, was Schreiben leisten kann:
Christina hat das Schreiben vor allem in ihrer Burnout-Zeit intensiv genutzt. Ihre Therapeutin gab ihr eine praktische Übung, die viele mit Grübelzwang kennen dürften:
Mit der Zeit hat sich daraus etwas Neues entwickelt: Während sie Sorgen aufschrieb, tauchten plötzlich Sätze auf wie:
„Ja, aber das schaffst du schon. Es ist letztes Mal ja auch wieder vorbeigegangen.“
Ohne es zu planen, führte sie ein positives Selbstgespräch auf dem Papier. Spannend dabei:
Schreiben wurde für sie zu einem der Top-3-Werkzeuge aus dem Burnout: Es sortierte Gedanken, entlastete das Nervensystem und gab ihr das Gefühl, sich selbst wieder Halt geben zu können.
Heute berührt Tims Buch „Sei dein eigenes Zuhause“ viele Leserinnen und Leser so stark, dass sie ihm schreiben, sie hätten beim Lesen geweint. Das geht wiederum ihm nahe:
„Ich habe in den letzten Tagen oft geweint, weil mir Menschen geschrieben haben, dass sie beim Lesen geweint haben.“
Christina kennt das: Auch sie hat nicht über ihren Spiegel-Bestseller-Status geweint, sondern über die Rückmeldungen, in denen Menschen schreiben, wie tief sie sich verstanden fühlten. Beide sind sich einig:
Aus der Folge lassen sich konkrete Impulse ableiten, wie du Schreiben in deinem Alltag einsetzen kannst:
Tim bringt es am Ende schön auf den Punkt: Man braucht keinen Bestseller, um diese Form von Berührung zu erleben. Jede ehrliche Zeile, die jemand anders liest und fühlt, kann ein Anfang sein.
Ein besonderes Thema dieser Folge ist Tims soziale Phobie – und wie er es geschafft hat, sie Schritt für Schritt zu entschärfen.
Für viele sind sie nur unangenehm, für Menschen mit sozialer Angst sind sie der pure Albtraum: klassische „Stell dich mal kurz vor“-Runden. Tim beschreibt das so:
„Man kommt irgendwo neu in eine Gruppe und dann: ‚Jetzt stellt sich jeder mal vor.‘ Für mich ist da jedes Mal eine Welt zusammengebrochen.“
Dahinter steckte nicht „nur“ Schüchternheit, sondern eine dauerhafte, belastende soziale Phobie. Lange waren soziale Situationen für ihn so bedrohlich, dass er sie weitestgehend mied:
Die Folge: Er bestand zwar die Prüfungen, funktionierte nach außen, zahlte aber innerlich einen hohen Preis in Form von Einsamkeit und Selbstzweifeln.
Eine entscheidende Wende brachte ein Todesfall in der Familie. Tim merkte:
„Wenn ich jetzt nichts ändere, ist das in Summe alles ein bisschen too much.“
Er zwang sich, zum ersten Mal in seinem Leben in einen Coworking-Space zu gehen, nicht primär zum Arbeiten, sondern um dort zu sein.
Die ersten Wochen sahen so aus:
Doch er blieb dran, Tag für Tag. Und nach einigen Monaten drehte sich das Bild:
Seine soziale Angst ist nicht komplett verschwunden, aber:
Damit zeigt er etwas, das Christina auch bei anderen in der Klinik erlebt hat: Soziale Ängste können sich oft erstaunlich schnell verändern, wenn man sich ihnen in kleinen Schritten stellt.
Ein zentrales Element beim Ausstieg aus sozialer Angst ist für Tim das Thema Scham. Scham flüstert uns ein:
„Wenn Menschen rausfinden, wie du wirklich bist, stoßen sie dich aus der Gruppe aus.“
Das einzige Gegenmittel, sagt er, ist:
Seine Erfahrung: Gerade dann, wenn er sich anderen mit seiner Depression, Angst oder Einsamkeit gezeigt hat und nicht verurteilt wurde, passierte etwas Heilsames:
Für ihn ist das der vielleicht wichtigste antidote gegen Einsamkeit und soziale Angst:
Christina bestätigt das aus ihrer Biografie: Sie war schon früh offen, hatte viele Freunde, sprach über Ängste und später über ihr Burnout. Ihre Erfahrung:
„Wenn du dich offen und verletzlich zeigst, kommt fast immer nur Liebe zurück.“
Ein roter Faden durch die Folge ist der Umgang mit Gedanken und Gefühlen. Beide sind sich einig: Der Versuch, Gedanken krampfhaft zu verändern, funktioniert oft nicht – oder macht es sogar schlimmer.
Tim beschreibt, wie klassische „Gedankenarbeit“ bei ihm kaum Wirkung hatte:
Für ihn fühlte es sich im Kern immer wie Wegdrücken an – und wie ein nie endender Job:
Stattdessen half ihm ein Ansatz aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), entwickelt von Steven Hayes. Im Zentrum steht dort nicht das Verändern von Gedanken, sondern:
Eine kleine ACT-inspirierte Technik, die Tim für sich übernommen hat:
Das klingt unspektakulär, wirkt aber stark:
Christina hat viele Jahre mit starker Gesundheitsangst gelebt – bis hin zur festen Überzeugung, sie habe z. B. einen Hirntumor. Heute ist sie nahezu angstfrei, auch wenn Gedanken wie „Ist das jetzt Long Covid?“ hin und wieder auftauchen.
Wie sie damit umgeht:
Praktisch heißt das:
Und ganz wichtig: Sie hat gelernt, ihre Gedanken nicht mehr zu fürchten. Angstgedanken tauchen auf, werden bemerkt und dürfen weiterziehen – ohne dass sie wieder einen tiefen Strudel auslösen.
Ein großes Learning aus Christinas depressiver Phase: Gefühle lösen sich oft dann, wenn sie angenommen werden. Nicht sofort, nicht immer, aber viel öfter, als viele glauben.
Sie beschreibt es so:
Erst als sie sich hinsetzte und innerlich sagte: „Okay, dann bin ich jetzt eben unglücklich. Dann fühle ich mich jetzt richtig beschissen.“, passierte etwas:
Sie greift dazu ein Bild von Eckhart Tolle auf: Wenn du den Frosch küsst, wird er zum Prinzen. Solange du nur vor ihm davonläufst, bleibt er hässlich, bedrohlich, allgegenwärtig.
Neben dem Arbeiten mit Gedanken teilen die beiden auch einen sehr praktischen, körperorientierten Ansatz, den Tim aus dem Somatic Experiencing kennt. Er eignet sich für Momente, in denen dein Nervensystem überdreht und du dich nach Halt sehnst.
So funktioniert die Übung:
Du kannst die Übung nutzen:
Tim beschreibt das Gefühl als tief beruhigend, fast wie ein direktes Signal an das Nervensystem: „Du musst gerade nichts tragen. Du wirst getragen.“
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