Das Gehirn umprogrammieren und Ängste loslassen

Interview mit Yvonne Diewald

29.04.2024
Interview mit Yvonne Diewald – Das Gehirn umprogrammieren und Ängste loslassen | Podcastfolge über mentale Veränderung und Neuroplastizität

„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.

Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️

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Inhalt

Angst unplugged: Wie du dein Gehirn neu verdrahtest und Ängste wirklich verlernen kannst

In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit der Neuro-Coachin und Autorin Yvonne Diewald darüber, wie unser Gehirn Ängste speichert – und wie wir diese neuronalen Programme gezielt verändern können. Anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihres remind®-Programms zeigt Yvonne, warum Angst kein Schicksal ist, sondern das Ergebnis von Lernprozessen im Gehirn.

Unser Gast: Yvonne Diewald

Yvonne Diewald ist Neuro-Coachin, Bestseller-Autorin des Buches „remind – Dein Gehirn kann viel mehr, als du glaubst“ und frühere strategische und politische Beraterin von Vorständen in einem Konzern. Den entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben brachte ihr viel zu früh geborener Sohn Dominik: Trotz zerstörtem Motorikareal im Gehirn lernte er mit konsequentem Training gehen, schreiben und sprechen und führt heute ein selbstständiges Leben.

Diese Erfahrung weckte in Yvonne die Frage, wie Veränderung im Gehirn wirklich funktioniert. Sie absolvierte zahlreiche Coaching-Ausbildungen, merkte aber, dass klassische Tools oft nicht nachhaltig wirken. Erst ein Masterstudium in Neurowissenschaften brachte die Erkenntnis: Viele Methoden setzen im falschen Hirnareal an. Aus diesem Wissen entwickelte sie ihre remind®-Methode, mit der sie Menschen mit Angststörungen, Panikattacken, Blockaden und Beziehungsthemen begleitet.

Das Gehirn ist formbar: Warum Ängste keine lebenslange Bürde sind

Die vielleicht wichtigste Botschaft dieser Folge: Dein Gehirn ist veränderbar – auch dann, wenn sich deine Angst gerade übermächtig und aussichtslos anfühlt.

Neuroplastizität im echten Leben: Dominiks Geschichte

Als Yvonnes Sohn Dominik mit nur 700 Gramm zur Welt kommt, erleidet er eine schwere Hirnblutung. Die Diagnose der Ärzte ist vernichtend: Das komplette Motorikareal sei zerstört, er werde nie gehen, sprechen oder schreiben können. Yvonne nimmt diese Prognose nicht an:

„Ich habe gesagt, das kann nicht sein, da muss noch irgendwas möglich sein.“

Ohne medizinische oder therapeutische Ausbildung beginnt sie, intensiv mit ihrem Sohn zu trainieren, sucht Experten auf, probiert Methoden aus und macht mit allem weiter, was spürbar kleine Fortschritte bringt. Langsam, viel langsamer als bei anderen Kindern, lernt Dominik:

  • ohne Hilfsmittel zu gehen – sichtbar körperbehindert, aber mobil
  • zu schreiben und sein Fachabitur zu machen
  • eine Schauspielausbildung zu absolvieren
  • selbstständig und unabhängig zu leben

Dominik ist für Yvonne der lebendige Beweis für Neuroplastizität: Wenn selbst ein zerstörtes Motorikareal vom Gehirn „umgangen“ und neu organisiert werden kann, dann sind auch Angstprogramme veränderbar.

Wie Angst im Gehirn entsteht: Neuronale Programme, Basalganglien und der „Bäm“-Faktor

Um Angst zu verändern, musst du verstehen, wie dein Gehirn lernt – und warum du scheinbar „automatisch“ in alte Muster zurückfällst.

Zwei Lernwege des Gehirns

Laut Yvonne gibt es zwei grundlegende Wege, wie Informationen ins Langzeitgedächtnis wandern:

  • 1. Ständige Wiederholung
    Wie in der Schule: Vokabeln, Einmaleins, Haus-Schreiben. Ein Impuls läuft immer wieder durch dieselben Nervenzellen. Das Gehirn wertet das als: „Scheint wichtig zu sein.“
  • 2. Der „Bäm“-Faktor (prägende Erlebnisse)
    Ein besonders freudvolles oder leidvolles Erlebnis, bei dem viele Botenstoffe ausgeschüttet werden. Das Gehirn speichert es sofort ab: „Das ist relevant fürs Überleben.“

Beides – Wiederholung und starke Emotion – kann Angstprogramme im Gehirn fest verankern.

Neuronale Programme: Warum dein Angstkreislauf so schnell anspringt

Yvonne erklärt, dass wir für fast alles neuronale Programme im Gehirn anlegen: fürs Zähneputzen, Fahrradfahren, Klavierspielen – und eben auch für Angst.

  • Ein Symptom oder Trigger erscheint (z.B. ein körperliches Gefühl).
  • Dein Gehirn erkennt: „Das gehört zu meinem Angstprogramm.“
  • Der Impuls läuft durch das gesamte Netzwerk: Gedanken, Gefühle, Körperreaktionen.
  • Katastrophengedanken, Panik, Schweiß, Engegefühl – alles wird automatisch aktiviert.

Christina beschreibt ihre frühere Krankheitsangst so:

„Ich hatte ein Symptom und dann kam sofort Angst. Ich konnte da gar nicht so dazwischen schalten.“

Heute erlebt sie zwar noch Gedanken wie „Was ist das, sollte ich mal zum Arzt?“, aber ohne Angstwelle. Sie hat die Reaktion schlicht umgelernt.

Warum alte Muster so hartnäckig sind: Basalganglien vs. Pyramidenzellen

Yvonne unterscheidet zwei zentrale „Spieler“ im Gehirn:

  • Pyramidenzellen im präfrontalen Kortex
    • sitzen hinter der Stirn
    • arbeiten langsam, verbrauchen viel Energie
    • werden beim bewussten Lernen und Konzentrieren aktiv
    • sind gründlich, aber mühsam
  • Basalganglien im Hinterkopf
    • arbeiten blitzschnell und energiesparend
    • speichern Routinen und Automatikprogramme
    • unterscheiden nicht zwischen „gut“ und „schlecht“
    • sind schwer zu stoppen, wenn sie einmal aktiviert sind

Alles, was du häufig genug denkst, fühlst oder tust, wandert irgendwann aus den langsamen Pyramidenzellen in die schnellen Basalganglien. Dort wird es zur Routine – inklusive Angstreaktionen.

Wichtig: Dein Gehirn baut diese Routinen sogar aktiv aus. Nach jedem Durchlauf legt es eine weitere Proteinschicht (Myelinschicht) um die beteiligten Nervenzellen und Verknüpfungen. Je stärker diese Struktur, desto schneller und häufiger können z.B. Panikattacken auftreten:

„Früher habe ich die Panikattacke alle vier Wochen gehabt, jetzt habe ich sie dreimal am Tag.“

Das ist kein Zeichen von „Verrücktheit“, sondern leider ein Zeichen dafür, dass das Angstprogramm sehr gut trainiert wurde.

Die remind®-Methode: In sechs Schritten Ängste und Blockaden neu verdrahten

Aus ihrem neurowissenschaftlichen Wissen hat Yvonne die remind®-Methode entwickelt. Ziel: Die alten Programme in den Basalganglien abbauen und neue, hilfreiche Programme aufbauen. Drei Schritte stellt sie im Podcast besonders ausführlich vor.

1. R wie Realisierung: Das Problem liegt im Kopf, nicht im Außen

Bevor Veränderung möglich ist, braucht es ein Umdenken:

  • Deine Angst entsteht nicht durch den Chef, den Partner oder die Situation.
  • Sie entsteht durch das, was dein Gehirn daraus macht.
  • Nur wer das wirklich realisiert, kann Verantwortung für den inneren Prozess übernehmen.

Solange du glaubst „Wenn nur der andere sich ändern würde, wäre alles gut“, bleibst du im Außen gefangen – und dein Gehirn arbeitet weiter mit den alten Programmen.

2. Erlebnisanalyse: Was ist im Unbewussten wirklich abgespeichert?

Die meisten Klient:innen kommen zu Yvonne mit eigenen Erklärungen: schwierige Kindheit, bestimmte Szenen, auffällige Eltern. Wichtig – aber oft nicht der Kern.

„Alles, was du dir da überlegt hast, stammt aus dem bewussten Bereich.“

Die entscheidenden Muster liegen jedoch im Unbewussten. In einer mehrstündigen Erlebnisanalyse arbeitet Yvonne mit gezielten Fragen und Strukturen heraus:

  • Welche Erlebnisse haben sich tief eingebrannt?
  • Welche Bedeutungen hat das Gehirn daraus gemacht?
  • Welche Trigger sind heute noch aktiv?
  • Welche Impulse wurden nie abgespeichert (z.B. Sicherheit, Liebe, Weite, Zugehörigkeit)?

Klient:innen erleben dabei oft Aha-Momente wie „Stimmt, das gab es ja auch bei mir“, an Dinge, an die sie bewusst lange nicht mehr gedacht haben.

3. M wie Musterunterbrechung: Der praktische Hebel im Alltag

Ein Kern der remind®-Methode ist die Musterunterbrechung – also das gezielte Stoppen eines aktiven Angstprogramms. Hier wird es für dich ganz konkret.

Yvonne erklärt: Wenn dein Angstprogramm in den Basalganglien aktiv ist, musst du bewusst die Pyramidenzellen einschalten. Das gelingt mit Aufgaben, die Konzentration und kognitive Leistung erfordern, zum Beispiel:

  • 50 Mal rückwärts um den Tisch laufen
    Startpunkt merken, rückwärts laufen, nicht anecken, genau 50 Runden. Wenn du dich verzählst, von vorne beginnen. Du musst so konzentriert sein, dass dein Gehirn gar nicht mehr „Energie“ für die Panikschleife hat.
  • Rückwärts lesen
    Ein Buch irgendwo in der Mitte aufschlagen und von unten nach oben Wort für Wort rückwärts lesen, dabei versuchen zu verstehen, worum es geht. Das fordert deine Pyramidenzellen maximal.
  • Zahlen–Buchstaben–Code (unauffällig z.B. in einem Meeting)
    A = 1, B = 2, C = 3 … Z = 26 und dann rückwärts: 26 = Z, 25 = Y, 24 = X usw. im Kopf durchgehen. Auch das zieht Energie aus dem Angstprogramm ab.

Was passiert dabei im Gehirn?

  • Die Pyramidenzellen brauchen viel Energie und Konzentration.
  • Das Gehirn kann nicht dauerhaft zwei energieintensive Systeme parallel laufen lassen.
  • Also wird das Angstprogramm in den Basalganglien heruntergefahren.
  • Wichtig: Der Impuls läuft nicht mehr vollständig durch das alte Angstnetzwerk.

Genau das ist entscheidend: Wenn das Angstprogramm nie wieder „zu Ende“ durchlaufen darf, bekommt das Gehirn über die Zeit das Signal: „Diese Struktur wird nicht mehr gebraucht“ – und beginnt, sie wieder abzubauen.

Wichtig dabei:

  • Die Aufgabe muss dich wirklich fordern (Zählen, Koordination, Konzentration).
  • Sie sollte sofort gestartet werden, sobald du merkst: „Da ist wieder dieses Gefühl / dieses Gedankenkarussell.“
  • Sie ist kein „Trick“, sondern ein konsequent angewendetes Trainingsprinzip.

Christina erkennt darin vieles wieder, was sie intuitiv getan hat: Sie hat aufgehört, sich in Panikgedanken hineinzusteigern, hat „etwas anderes gemacht“ und ihr Leben Schritt für Schritt angstfreundlicher gestaltet (mehr Natur, Bewegung, Meditation, freudvolle Aktivitäten). Kombiniert mit bewusster Musterunterbrechung entsteht so ein neues inneres Grundprogramm.

4. I wie Impulseingabe: Neue Programme gezielt aufbauen

Alte Programme nur zu unterbrechen, reicht nicht. Dein Gehirn braucht neue, positive Impulse, damit es tragfähige Alternativen aufbauen kann.

Yvonne nutzt dazu maßgeschneiderte Audiodateien, die Klient:innen mindestens 90 Tage lang täglich hören. Darin stecken genau die Impulse, die im ursprünglichen Angsterlebnis oder Problemkomplex gefehlt haben.

Ein Beispiel aus der Praxis: Der Messi und die Besenkammer

Ein Klient kommt zu Yvonne mit einer extremen Sammelleidenschaft. Haus, Keller, Garage vollgestellt, Fenster zugestellt, Licht tagsüber an, der Postbote braucht Minuten, um zur Tür zu gelangen. Der Mann glaubt, er sei „süchtig nach Dingen“.

In der Erlebnisanalyse zeigt sich jedoch:

  • Als Kind wurde er zur Strafe regelmäßig in eine dunkle, enge Besenkammer gesperrt.
  • Sein Gehirn speichert: Enge, Dunkelheit, Einsamkeit, mangelnde Liebe.
  • Später inszeniert er diese Enge unbewusst immer wieder neu – durch das Zustellen seiner Wohnräume.

Was ihm fehlte, waren Impulse wie:

  • Weite, Raum, Licht, Helligkeit
  • Fürsorge, Zuwendung, Menschen um sich herum
  • Geborgenheit statt Einsamkeit

Genau diese Impulse baut Yvonne in seine Audiodateien ein. Das Gehirn macht daraus neue neuronale Programme – und der Mann räumt nach und nach sein gesamtes Haus leer und öffnet sich wieder für Kontakte.

Merksatz: Dein Gehirn unterscheidet nicht zwischen „real“ und „virtuell“, sondern zwischen Impuls und Nicht-Impuls. Was du ihm regelmäßig „zufütterst“, wird zu Struktur.

Neuverdrahtung braucht Zeit – aber kein Perfektionismus

Warum 90 Tage remind®-Programm? Yvonne verweist auf Studien, die zeigen, dass die Umprogrammierung im Gehirn je nach Person unterschiedlich lange dauert: 42, 67 oder 156 Tage. 90 Tage decken die meisten Fälle ab, in Einzelfällen reichen ein, zwei Wochen Verlängerung.

Wichtig:

  • Keine Unterbrechung: Ein ausgelassener Tag ist für das Gehirn ein „Dieses Programm ist wohl doch nicht wichtig“-Signal.
  • Deshalb gilt in Yvonnes Programm: Wenn du an Tag 35 auslässt, ist Tag 36 wieder Tag 1.
  • Die Umsetzung selbst ist simpel (eine Audiodatei hören, Übungen im Alltag anwenden), die Herausforderung ist das Dranbleiben.

Parallel zu den Audios sollen Klient:innen bewusst wahrnehmen, wie oft sie täglich über ihr Problem nachdenken, darüber sprechen oder im Internet dazu recherchieren. Jede gedankliche Schleife ist ein weiterer Impuls in das alte Programm – und gehört, wenn möglich, unterbrochen.

Weitere Inhalte der Podcastfolge

  • Warum häufig empfohlene „Sofort jemanden anrufen“-Strategien bei Panikattacken dein Angstprogramm langfristig eher stärken als schwächen.
  • Wie wichtig Selbstwirksamkeit ist: das Gefühl „Ich kann mich selbst beruhigen“ statt „Ich brauche immer jemanden von außen“.
  • Warum du deine eigenen Muster nicht alleine vollständig analysieren kannst – und weshalb es dafür eine dissoziierte, außenstehende Person braucht.
  • Yvonnes persönliche Geschichte vom extremen Lampenfieber durch eine peinliche Schulerfahrung bis hin zum entspannten Sprechen vor Kamera und Publikum.
  • Ein kritischer Blick auf die These „Wir suchen uns Partner, die wie unsere Eltern sind“ – und Yvonnes Sicht, dass Partner sich vor allem gegenseitig triggern.
  • Warum dein Gehirn alles abbaut, was du nicht benutzt – und weshalb es sinnvoller ist, vielfältig geistig aktiv zu bleiben, statt nur Kreuzworträtsel zu lösen.
  • Christinas persönlicher Weg: Wie sie durch Lebensstiländerungen, Freude, Natur, Yoga und Meditation ihre Angstprogramme parallel mit verändert hat.
Dies ist ein Podcast aus meiner Themenwelt „Angst & Überforderung". Du findest viele weitere hilfreichen Informationen und Tipps auf der Themenseite: „Angst & Überforderung"
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