„Angst Unplugged“ (ehemals „Einmal Burnout und zurück“) ist dein Podcast für Kopf, Körper & Nervensystem. Ich berichte in diesem Podcast über meinem Weg aus Burnout, Angst und Panikattacken zurück in ein glückliches Leben. Du bekommst hier hilfreiche Gedanken, umsetzbare Tipps und Übungen, inspirierende Geschichten anderer Betroffener sowie (Experten) Interviews.
Du kannst den Podcast komplett kostenlos anhören (bspw. auf Spotify) und ich würde mich sehr freuen, wenn du dem Podcasts folgst und mir eine Bewertung da lässt. Wie du das ganz einfach machen kannst, erkläre ich dir auf dieser Seite. Ich danke dir! ❤️
In dieser Folge von „Angst unplugged“ spricht Gastgeberin Christina Hillesheim mit Thomas Reinbacher, Ex-Google-Manager, Autor und Vater, über seinen radikalen Absturz in eine schwere Depression – und seinen Weg zurück in ein lebenswertes Leben.
Thomas erzählt, wie aus Schlafproblemen eine lebensbedrohliche psychische Krise wurde, warum er zweimal in der Psychiatrie landete und was ihm tatsächlich geholfen hat. Seine Geschichte macht deutlich: Einmal psychisch krank heißt nicht für immer psychisch krank – und Hilfe kann Leben retten.
Thomas Reinbacher ist promovierter Informatiker, war viele Jahre in der Tech-Welt unterwegs – unter anderem bei der NASA, Amazon und zuletzt als Manager bei Google. Nach außen wirkte sein Leben wie eine Erfolgsgeschichte: Top-Karriere, Familie, Wohnung, vermeintlich „alles im Lot“.
2021 kam der Crash: eine schwere Depression mit massiven Schlafstörungen, Grübelspiralen und suizidalen Gedanken. Thomas verbrachte insgesamt fast sechs Monate in der Psychiatrie. Heute ist er Autor („Nach Grau kommt Himmelblau“), Keynote Speaker für mentale Gesundheit und entwickelt gemeinsam mit seiner Frau Programme für Angehörige von Menschen mit Depression.
Auf LinkedIn glänzte Thomas’ Lebenslauf: Promotion in Informatik, Stationen bei NASA, Unternehmensberatung, Amazon, Google. Privat: liebevolle Partnerin, kleiner Sohn, Leben in München. „Eigentlich alles happy Ding Dong, könnte man so meinen“, sagt er rückblickend.
Der Zusammenbruch kam nicht über Nacht. Ein halbes Jahr vorher hatte sich Thomas bereits einen Performance Coach gesucht, um noch leistungsfähiger zu werden. Heute sagt er: „Ein dreiviertel Jahr vorher habe ich mir einen Performance Coach gesucht, weil ich dachte, ich muss noch mehr schaffen, mehr leisten. Da hätte ich vielleicht schon eine Psychotherapie anfangen sollen.“
In dieser Zeit ballte sich bei ihm eine kaum zu bewältigende Stresslast:
Statt einen Gang runterzuschalten, legten beide noch einen drauf. Alle Aktivitäten, die ihm gutgetan hatten, strich Thomas weg: Sport, Hobbys, Pausen. Es ging nur noch ums Funktionieren.
Das erste Symptom, das er wirklich bemerkte, war der Schlaf: Er konnte nicht mehr einschlafen, nicht durchschlafen, wachte schweißgebadet auf. Gemeinsam mit seiner Frau suchte er nach körperlichen Ursachen – „Psycho-Kram“ schlossen sie zunächst aus. Eine neue Matratze sollte es richten.
Doch die innere „dunkle Wolke“ wurde dichter. Er wurde zynisch, sah Projekte negativ, zweifelte Beziehungen an. Rückblickend erkennt er das als frühe depressive Symptome.
Der Wendepunkt kam an einem ganz normalen Arbeitstag. Thomas öffnete seinen Laptop, wollte E-Mails lesen – und konnte die Inhalte nicht mehr erfassen.
„Ich hatte das Gefühl, dass ich zwar die Buchstaben erkenne, aber dass die Buchstaben sich nicht zu Wörtern und die Wörter nicht zu Sätzen zusammenfügen lassen.“
Er druckte eine E-Mail aus, hielt sie in der Hand, doch es blieb: Da blieb nichts mehr hängen im Gehirn. Panik stieg auf. Selbst das kleine Einmaleins im Kopf gelang nicht mehr.
Seine Frau brachte ihn in die psychiatrische Notaufnahme in München. Er war nicht einmal mehr in der Lage, ein einfaches Formular ordentlich auszufüllen. Sie dokumentierte seine Symptome in einer WhatsApp-Nachricht und zeigte sie der Ärztin.
Die Diagnose: Depression, keine „bloße“ Schlafstörung.
Thomas erlebte seine Depression in zwei sehr unterschiedlichen Episoden. Beide Male benötigte er stationäre Hilfe in der Psychiatrie – beim zweiten Mal mit einer dramatischen Zuspitzung.
In der ersten Phase standen vor allem extreme Grübelspiralen und diffuse Ängste im Vordergrund:
Thomas kam für rund drei Monate auf eine psychiatrische Station, wurde medikamentös eingestellt und begann eine ambulante Psychotherapie. Insgesamt war er etwa acht Monate arbeitsunfähig.
Doch innerlich hielt er an einem Gedanken fest: „In zwei Wochen bin ich wieder im Job.“ Die Dimension und Dauer einer depressiven Erkrankung hatte er massiv unterschätzt.
Nach den acht Monaten hieß es im Umfeld – und in seinem eigenen Kopf: Es müsse nun „weitergehen“. Google zeigte sich entgegenkommend, bot ihm einen weniger belastenden Job in München an.
Was sich wie ein vorsichtiger Neustart anfühlte, wurde zur Falle. Thomas ignorierte sein Bauchgefühl:
Nach nur acht Wochen zurück im Job kamen die Symptome mit voller Wucht zurück:
„Ich war echt ganz kurz davor vom Suizid“, sagt Thomas heute offen. Er prüfte Baugerüste auf ihre Höhe, plante gedanklich seinen Ausstieg. In seinem depressiv verzerrten Denken schien das der „logische“ Ausweg.
Thomas und Christina sind sich einig: Über Suizidgedanken zu sprechen ist unangenehm – aber lebenswichtig. Sie betonen:
Entscheidend ist:
Thomas’ Frau rettete ihm vermutlich das Leben: In der Klinik verschwieg er seine Suizidgedanken aus Angst vor einer geschlossenen Station. Sie schob der Ärztin unbemerkt einen Zettel zu: „Thomas lügt, Sie müssen ihm jetzt helfen. Er hat ganz, ganz schwere Suizidgedanken.“
Nach einem intensiven Gespräch willigte Thomas ein, sich auf der Akutstation aufnehmen zu lassen – „für meinen Sohn“, wie er sagt. Er beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das anfühlte:
Hinzu kamen starke körperliche Symptome, vermutlich Nebenwirkungen von Medikamenten:
In seinem Aufnahmeprotokoll stand: „Der Herr Dr. Reinbacher kann sich nicht artikulieren.“ Psychotherapie im klassischen Sinn war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht möglich. Zuerst brauchte es Stabilisierung, Schutz und Medikamente.
Insgesamt verbringt Thomas in dieser zweiten Episode etwa zweieinhalb Wochen auf der Akutstation und danach fünfeinhalb Monate auf einer Depressionsstation – als gesetzlich Versicherter im Vierbettzimmer.
Christina spricht offen über ihre eigene Angst vor der Psychiatrie und die typischen Klischees („Klapse“, Fesseln, nie wieder rauskommen). Beide betonen:
Ohne diesen langen Aufenthalt, sagt Thomas heute, wäre er „felsenfest überzeugt, nicht mehr hier“.
Nach der akuten Phase begann der eigentliche Wendepunkt: Thomas musste lernen, seine Erkrankung zu akzeptieren, sich auf Behandlung einzulassen und sein Leben grundlegend zu hinterfragen.
Ein innerer Schlüsselmoment war für Thomas die Erkenntnis:
„You’re there for a reason. Du bist in dieser Psychiatrie, weil es einen Grund gibt. Du bist wirklich krank und du musst es jetzt verdammt ernst nehmen.“
Statt sich mit dem „alten Thomas“ zu vergleichen, der um die Welt reiste und einen vollen Terminkalender hatte, begann er, seine Realität im Hier und Jetzt anzunehmen:
Diese Haltung wird in der Psychologie oft als radikale Akzeptanz bezeichnet – ein wichtiger Schritt, damit Heilung überhaupt möglich wird.
Thomas spricht offen über seine medikamentöse Behandlung. Für ihn waren Antidepressiva und andere Medikamente kein Allheilmittel, aber eine notwendige Basis:
Ohne diese Unterstützung wäre eine psychotherapeutische Aufarbeitung seiner Themen kaum möglich gewesen.
Gleich bei der Aufnahme sagte ihm eine Pflegerin:
„Wir haben keinen 10-Punkte-Plan, aber einen bunten Blumenstrauß an Therapiemöglichkeiten. Sie müssen rauspicken, was für Sie funktioniert.“
Thomas nahm sie beim Wort. Er begann, in einem Tagebuch alle ausprobierten Maßnahmen festzuhalten – mit kleinen Symbolen:
Nach und nach kamen so rund 40 verschiedene „Interventionen“ zusammen, z. B.:
Überraschend hilfreich war für ihn in der ganz akuten Phase etwas sehr Spezielles: Immer wieder den gleichen Formel-1-Grand-Prix anzuschauen, den er bereits auswendig kannte. Alles andere (v. a. Nachrichten) triggerte seine Grübelschleifen. Der bekannte Rennverlauf gab seinem Gehirn kurz Ruhe.
Ein wichtiges Learning daraus:
So entstand bei Thomas ein sehr persönlicher Werkzeugkoffer aus kleinen Mini-Erfolgen. Jeder ausgemalte Elefant, jede geschaffte Runde im Stationsflur, jedes aufgegessene Mittagessen wurde bewusst registriert.
Statt sich über das Ausmaß seines Leids auszulassen, führte Thomas ein bewusst lösungs- und ressourcenorientiertes Tagebuch. Er schrieb ausschließlich auf, was gut war oder ein kleines Plus bedeutete:
Christina berichtet, dass sie in ihrer eigenen Krise intuitiv ähnlich vorging: Notieren, was sie trotz allem geschafft hatte, sich selbst Mut zuschreiben, sich gedanklich aufbauen. So entsteht Schritt für Schritt ein Gegenbild zur inneren Erzählung von „Ich schaffe nichts“.
Ein zentrales Thema im Gespräch ist der oft gehörte Satz aus der Therapie: „Ängsten muss man sich stellen.“ Beide differenzieren hier deutlich:
Wenn du zum Beispiel massiv Angst vor der Arbeit hast, weil du eigentlich spürst, dass der Job dich krank macht, dann ist „Augen zu und durch“ oft genau der falsche Weg. In solchen Fällen ist die Angst eher ein Hinweis, etwas zu verändern, als eine Hürde, die du überwinden musst.
Für Thomas war der Versuch, „sich seiner Angst vor der Arbeit zu stellen“, letztlich ein Beschleuniger in den Rückfall.
Ein weiterer Schlüssel in Thomas’ Heilungsprozess war eine intensive Auseinandersetzung mit seinen inneren Werten. In einer Therapieübung bekam er eine Liste mit rund 100 Lebenswerten und sollte so lange streichen, bis noch fünf übrig blieben.
Die erste Auswahl spiegelte sein „altes“ System wider:
Mit diesen Werten war er durch Studium, Promotion und Karriere gerannt – ohne große Rückschläge. Aber als Familienvater mit hoher Gesamtbelastung war dieses Wertesystem nicht mehr lebenskompatibel.
In einer zweiten Runde suchte er nach Werten, die wirklich seinem Wesen entsprechen und zu seinem aktuellen Leben passen. Dabei kamen andere Qualitäten zum Vorschein:
Diese Werte bilden heute die Grundlage seines neuen Lebensentwurfs. Eine direkte Konsequenz:
Aus dieser Therapieübung ist später sogar ein eigenes Werte-Kartenspiel entstanden, das heute in vielen Praxen eingesetzt wird.
Aus der tiefsten Krise heraus hat Thomas sein Leben komplett neu ausgerichtet. Statt „mehr, mehr, mehr“ stehen heute Gesundheit, Familie und Sinn an erster Stelle.
Thomas fasst seine neue Reihenfolge klar zusammen:
„Weil wie wir wissen, ohne Gesundheit ist alles nichts.“
Dazu gehört auch, dass er sich täglich bewusst Zeit nur für sich nimmt. Noch vor dem Aufstehen der Familie geht er in den nahegelegenen Park, oft schon um halb sechs morgens:
Diese kleine, aber konsequente Routine gibt ihm spürbar Kraft – gerade auch an Tagen, an denen er denkt, es ginge ihm ohnehin gut.
Was als Tagebuch in der Klinik begann, schrieb Thomas nach der Entlassung für seinen Sohn weiter. Er wollte, dass dieser eines Tages versteht, was dem Papa passiert war – und es für sich besser macht.
Dieser Text wurde zu seinem Buch „Nach Grau kommt Himmelblau“. Zunächst nur online geteilt, erhielt er unerwartet viel Resonanz: Viele Leser:innen erkannten sich darin wieder, auch wenn die Details ihrer Geschichten verschieden waren.
Heute:
Ein Anliegen ist ihm dabei besonders wichtig: die Angehörigen sichtbar machen. Sie seien oft die „hidden heroes“, die im Krisenmodus versuchen, alles zusammenzuhalten – und dabei kaum Unterstützung bekommen.
Thomas erlebt immer wieder Momente, die ihm zeigen, dass er heute am richtigen Platz ist. Zwei Beispiele:
Im Gegensatz zu seiner früheren Arbeit („E-Mails in, E-Mails out“) sieht er heute unmittelbar, was sein Tun bei anderen auslöst. Das gibt seiner Geschichte einen Sinn, den er sich mitten in der Psychiatrie nie hätte vorstellen können.
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